Journalismus 2035 – eine Mockumentary

Nico Kunkel und Jens Stoewhase sitzen viel im Homeoffice und begeben sich in der Pandemie auf die Suche nach der Medienarbeit der Zukunft. In der ersten Folge haben wir über die Journalistin Charlotte die Recherche-App Wickert, in der zweiten Folge Algorithmus-Flüsterer Jörn kennengelernt. In der dritten Folge geht es nach Dresden zum Elbfluencer-Diversity-Kollektiv. Im nun vierten Teil treffen wir auf Jessica, der Algorithmus für die Ohren. Folgen Sie uns ins Jahr 2035!

Foto: © AdobeStock/desole

 

Teil 4: Radio – das Leben nach dab+

Radio war doch tot. Oder? Bis in die frühen 2020-Jahre schienen die Radiosender den mächtigen Audio-Zug, der damals anrollte, zu verpassen. Das digitale Radio dab+ war lange eine Art lebende Legende. Niemand wusste so recht, wann das Digitalradio sich wirklich durchsetzen würde. Innovativ waren damals andere: Podcasts, Streaming, Voice-Assistenten oder Apps wie Clubhouse wurden in den Fachmedien bejubelt. Heute, im Jahr 2035, ist das anders.

Audio ist überall, dab+ war nur eine vorübergehende Erscheinung – ein Hype, der wirklich nicht zündete. Sprachassistenten, wie Siri oder Alexa, die digitale Rückkanäle öffnen, personalisierte News ausspielen, Erinnerungen oder persönliche Mitteilungen, haben 2035 die Smartphones und Smartwatches verdrängt: die wichtigste mobile Schnittstelle zum Internet, zu Nachrichten und Unterhaltungsformaten, auch für den privaten Kontakt mit Familie und Freunden, zu sogenannten Audio-Bits im Jahr 2035: Es sind Kopfhörer, kaum größer als 2021 hochpreisige und dezent sich versteckende Hörgeräte.

Als WhatsApp Sprachnachrichten einführte, haben wir sie gehasst. 2035 sind sie DER Standard. Die Menschen haben sich daran gewöhnt, ebenso an die Stimmen in ihren Ohren. Man wirft sich Voice Messages um die Ohren, es gibt Firmen, die bieten Audio-Memes an. Mit diesen hörbaren Memes wird Werbung gemacht, werden politische GegnerInnen durch den Kakao gezogen und auch digitale Hörkunstwerke erschaffen.

ModeratorInnen wie Jessica, früher Podcasterin, Journalistin und Radiomoderatorin, sind mittlerweile gut bezahlte Stars, weil sie HörerInnen und NutzerInnen an große Plattformen binden können. Weil sie Empathie, Dramaturgie, geschickte Moderation und Massentauglichkeit verbinden und dabei das Gefühl generieren, ganz nah und persönlich bei ihren HörerInnen zu sein. Sie moderieren live große Guten-Morgen-Wecker-Streams, Talk- oder auch Quiz-Formate – wie zum Beispiel die der BVG: Seit 2031 schalten sich jeden Abend mehr als eine halbe Million BerlinerInnen auf Berlins Bus-, Shuttle- sowie U- und S-Bahn-Strecken zu, spielen oder diskutieren mit. ÖPNV wirkt somit von außen lauter, aber dank echtem Noice-Cancelling nimmt man im Prinzip die anderen Fahrgäste gar nicht wahr.

Jessica – ganz persönlich – geht allerdings nur noch selten selbst on-Air. Ihre Stimme hat sie längst an Medien- und Plattformanbieter lizensiert. Diese nutzen deren Klang und Erkennungswert, um ihre NutzerInnen und KundInnen zu binden. Jessica bekommt Kleinstbeträge für jede Interaktion der UserInnen mit ihrer Stimme bzw. ihrem Audio-Avatar.

Jessica, zumindest ihr digitales Alter Ego, hat damit Hunderttausende NutzerInnen täglich, mit denen sie personalisierte News und vermeintlich private Nachrichten oder Audio-Mails beantwortet.

Oder Menschen treffen lieber FreundInnen in einem Audio-Chat-Room auf der Plattform, die man in 2021 noch als Facebook kannte. Audio verbindet sich generell nativ mit Video zu dem, was man damals Social Media nannte. Auf Wunsch ist Jessica in der Runde dabei: Sie moderiert Audio- aber auch Videospiele oder wirft Gesprächsanlässe in die Runde – gemeinsame Erinnerungen etwa an Reisen und Events, an Abendessen, bei denen sie als digitaler Voice-Assistant (in Deutschland anonymisiert und datenschutzkonform) selbstverständlich auch Teil der Konversation war. Allerdings erinnert sich die KI viel besser als alle menschlichen Gäste.

Heute, im Audio-Zeitalter 2035, findet auch Journalismus mehr und mehr als Dialog statt: Nachrichten und Reportagen werden von Jessica erzählt. Vorteil: Je nach Kenntnisstand, nach Interesse, unterbrechen die HörerInnen Jessicas Geschichte, stellen Rückfragen oder geben Kommentare ab. Gleichzeitig bleiben Jessicas Reports permanent aktuell. Sobald neues Wissen digital verfügbar ist, hat auch der Algorithmus von Jessica Zugriff auf die aktualisierte Datenlage. Bei der nächsten Abfrage einer Reportage, z.B. zu Berlin, würden die aktuellsten Zahlen und Fakten integriert – ob sie nun die Historie oder die kürzlich zurückliegende Vergangenheit betreffen. Dabei hilft ihr auch die Journalismus-App „Wickert“.

Etwas anders läuft es mit der digitalen Hörkunst. Als der anonyme Künstler Edgar B. zehn seiner Gedichte vertonte und zum Jahreswechsel 2034/35 über verschiedene Audio-Services und InfluencerInnen veröffentlichte, da gab es quasi einen kleinen Knall im Audioversum. Plötzlich gab es unzählige KünstlerInnen, die Texte in Versform einsprachen und somit ausgerechnet der Lyrik einen Hype verpassten. Edgar B. selbst ist Nutznießer dieses Hypes und macht das große Geschäft. Ein Reiseunternehmen, das sich auf virtuelle Flüge spezialisiert hat, nutzt eines seiner eingesprochenen Gedichte für einen Audiospot. Man kann seine Gedichte inzwischen auch kostenpflichtig abonnieren und zuletzt sicherte sich der Kölner MC Olé die Rechte daran, die Texte von Edgar B. selbst einsprechen und vertonen zu dürfen. MC Olé ist großer Fan der 1980er Serie „Max Headroom“.

Liebe LeserInnen, wir würden uns freuen, wenn wir mit unserer kleinen „Reportage“ ein paar Diskussionsanstöße gegeben hätten. Lassen Sie uns gern Ihr Feedback über die sozialen Kanäle oder per Email [redaktion@medienrot.de] zukommen. Wie sehen Sie die Medienarbeit, wenn Sie an die Zukunft so um 2035 denken?


Über die Autoren:
nico-kunkel_150x150pxNico Kunkel ist seit mehr als zehn Jahren professioneller Beobachter von Themen und Trends in Kommunikation, PR- und Medienindustrie. Er arbeitet als freier Journalist und Impulsgeber für Events und Netzwerke in der Branche. 2012 begründete Kunkel die PR-Nachwuchsinitiative #30u30. Er ist Herausgeber des PR Career Center, das PR-Studierende unterstützt und vernetzt. Nico Kunkel lebt in Berlin. Er twittert als @prreporter.

 

 

jst-autorenbild Jens Stoewhase ist seit 2012 einer der beiden Geschäftsführer der Rabbit Publishing GmbH, die das Onlinejournal medienrot.de im Auftrag von Landau Media betreibt. Innerhalb von Rabbit Publishing verantwortet er die Contentproduktion für verschiedene B2B-KundInnen und ein Branchenportal in der Automobilindustrie. Bis Ende 2011 betreute er selbst u.a. die digitalen Aktivitäten zahlreicher kommerzieller Kinder- und Jugendmagazine und YPS. Stoewhase arbeitete vorher jahrelang für den Onlinebereich der TV-Serie „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“, als Freelancer im Musikbereich und entwickelte Konzepte für digitale Angebote im Entertainmentsegment.