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Journalismus 2035 – eine Mockumentary

Nico Kunkel und Jens Stoewhase sitzen viel im Homeoffice und begeben sich in der Pandemie auf die Suche nach der Medienarbeit der Zukunft. In der ersten Folge haben wir über die Journalistin Charlotte die Recherche-App Wickert, in der zweiten Folge Algorithmus-Flüsterer Jörn kennengelernt. In der dritten Folge geht es nach Dresden zum Elbfluencer-Diversity-Kollektiv. Folgen Sie uns ins Jahr 2035!

Foto: © AdobeStock/desole

 

Teil 3: Elbfluencer

Mit dem autonomen Flugtaxi geht es von Berlin nach Dresden. Für die knapp 180 Kilometer benötigen wir von Innenstadt zu Innenstadt kaum mehr 75 Minuten. Verabredet sind wir mit dem Elbfluencer-Diversity-Kollektiv. Fast fünfzehn Jahre ist das Team mittlerweile alt. Wir treffen Gründer Marius Siebert in seinem Büro in Dresden, ein paar Tage nach seinem 35. Geburtstag. Mit gerade mal 20 Jahren hatte Siebert das Projekt ins Leben gerufen, eigentlich aus seinem eigenen Ärger heraus.

Vor allem in den überregionalen Medien, auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, sah Siebert den Osten als zu undifferenziert beschrieben. „Sachsen war und ist nicht Schwerin, und Thüringen ist nicht Cottbus. Osten war einfach nicht Osten, damals nicht, und heute noch weit weniger“, sagt Siebert. Selbst die Otto-Brenner-Stiftung beschrieb Anfang der 2020er-Jahre, 30 Jahre nach der deutschen Einheit, in einer Studie eine „mediale Spaltung“ in Ost und West, die die deutsche Teilung auch bis Jahrzehnte nach der Wende zu zementieren drohte.

Dass viele MedienarbeiterInnen in Ost und West ihre Perspektive auf die „neuen“ Bundesländer verändert haben, das darf sich auch Siebert mit seinem Team auf die Fahne schreiben: Zahlreiche junge Medienkarrieren haben als Elbfluencer angefangen, und sie sind bis heute stolz darauf. Als Elbfluencer betreiben sie u.a. gemeinnützige Barcamps. Das Format gilt bereits als in die Jahre gekommen, gleichzeitig ist es wohl noch immer die einfachste Form der Vernetzung und des Erfahrungsaustausches. „Natürlich organisieren wir heute den Wissenstransfer anders als zu Beginn“, erklärt Gründer Siebert. „Früher nutzten wir die klassische Dokumentation in Textform. Heute gibt es Server, auf denen wir die Inhalte sammeln. Im Hintergrund wird alles automatisch indexiert. Algorithmen verknüpfen die Inhalte und der oberste Layer ist dann das, was bei euch noch ‚künstliche Intelligenz‘ heißt“, führt Siebert schmunzelnd aus.

Doch es blieb nicht nur bei Barcamps. Schon in der Corona-Pandemie schauten sich insbesondere junge Erwachsene nach einer Alternative zur Großstadt um. Berlin war zu teuer geworden, Leipzig und Dresden ebenfalls. In kleineren Gruppen zog man aufs Land. Die Lausitz bot sich an. Der Standort war gerade am Anfang des Strukturwandels. Der Braunkohlebergbau ging in die letzte Phase. Jobs waren gefährdet. Die für die Region zuständigen Wirtschaftsförderer existierten bereits. Die Immobilienpreise waren niedrig – egal ob Langzeitmiete oder genossenschaftlicher Kauf, es war fast jedes Modell möglich. „Weil die Städte als Medien-Hotspots mittlerweile ausgedient hatten, waren unsere Ideen eher geeignet für ein Wohnen, Leben und Arbeiten auf dem Land“, so Siebert.

Mit seinem Elbfluencer-Netzwerk motivierte Siebert junge Talente zur Medien- und Kommunikationskarriere, er band engagierte AnfängerInnen in aufstrebenden und digitalen Branchen ein, er gewann die lokale Hochschullandschaft für sein Projekt – und schließlich auch Menschen, die förderten und investierten, die brachliegendes Potenzial im Osten sahen. Bis heute sind mit den Elbfluencern knapp über 100 Initiativen in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen entstanden; Medien, Newsletter, Agenturen, Start-ups. Der Osten boomt, und selbst die Öffentlich-Rechtlichen sind mittlerweile im Boot und docken an – nachdem sie ihre jahrelang verfehlte Nachwuchsarbeit aufholen mussten.

Fehlende mediale Teilhabe führte zu dem Gefühl unterrepräsentiert zu sein, und das äußerte sich in Unmut, sagt Siebert. „Wir haben aus dieser Wut gelernt – und das Beste draus gemacht.“

Inzwischen „exportieren“ die Elbfluencer ihre Ideen und bieten ihre Konzepte als Vorschläge generell in Regionen an, denen aufgrund der Demographie die Überalterung durch Wegzug der Jungen droht. „Mit den Jahren haben wir auch erkennen können, dass wir eine Brücke von Jung zu Alt bauen sollten. Und wir haben gesehen, dass unsere Ideen nicht ostspezifisch sind“, so Siebert. Mit neuen Workshop-Konzepten, mal digital, mal vor Ort und persönlich, werden Ideen für Informationsvermittlung und mediale Teilhabe weiterentwickelt. Dafür wird das lokale Potenzial der verschiedenen Altersgruppen erhoben und analysiert. „Danach wird es pragmatisch: Wir setzen da an, wo der größte Erfolg zu erwarten ist. Denn erfolgreiche Projekte sind die wichtigsten Leuchttürme. Sie wirken wie ein Honigtopf, ziehen weitere Interessierte an, machen Mut, die eigene Idee umzusetzen. Als wir verstanden hatten, dass wir einen Teil unserer Kommunikationsarbeit einsparen und in den Erfolg der wichtigsten Projekte investieren sollten, wurde es schnell deutlich: Wenn wir echte Erfolge kommunizieren können, dann überzeugt das mehr als manch andere Kommunikationsmaßnahme“, schiebt Siebert nach.

Auch dieser Ansatz zeigt bereits erste, zarte Pflänzchen. Das Elbfluencer-Diversity-Kollektiv arbeitet bereits an Projekten im Ruhrgebiet. International ist man in Polen, Frankreich und Rumänien an Projekten beteiligt, die jeweils lokal in Regionen angesiedelt sind, die mitten in einem industriellen bzw. wirtschaftlichen Strukturwandel stecken. Marius Siebert sieht die Internationalisierung als notwendig, aber auch als eigene Herausforderung: „Das ist unsere wichtigste Transformationsleistung als Team – wir müssen unsere Erfahrungen in nachvollziehbares Wissen umwandeln, das universeller und in anderen Sprachen und Regionen genutzt werden kann.“

Liebe LeserInnen, wir würden uns freuen, wenn wir mit unserer kleinen „Reportage“ ein paar Diskussionsanstöße gegeben hätten. Lassen Sie uns gern Ihr Feedback über die sozialen Kanäle oder per Email [redaktion@medienrot.de] zukommen. Wie sehen Sie die Medienarbeit, wenn Sie an die Zukunft so um 2035 denken?


Über die Autoren:
nico-kunkel_150x150pxNico Kunkel ist seit mehr als zehn Jahren professioneller Beobachter von Themen und Trends in Kommunikation, PR- und Medienindustrie. Er arbeitet als freier Journalist und Impulsgeber für Events und Netzwerke in der Branche. 2012 begründete Kunkel die PR-Nachwuchsinitiative #30u30. Er ist Herausgeber des PR Career Center, das PR-Studierende unterstützt und vernetzt. Nico Kunkel lebt in Berlin. Er twittert als @prreporter.

 

 

jst-autorenbild Jens Stoewhase ist seit 2012 einer der beiden Geschäftsführer der Rabbit Publishing GmbH, die das Onlinejournal medienrot.de im Auftrag von Landau Media betreibt. Innerhalb von Rabbit Publishing verantwortet er die Contentproduktion für verschiedene B2B-KundInnen und ein Branchenportal in der Automobilindustrie. Bis Ende 2011 betreute er selbst u.a. die digitalen Aktivitäten zahlreicher kommerzieller Kinder- und Jugendmagazine und YPS. Stoewhase arbeitete vorher jahrelang für den Onlinebereich der TV-Serie „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“, als Freelancer im Musikbereich und entwickelte Konzepte für digitale Angebote im Entertainmentsegment.