Newsletter

Journalismus 2035 – eine Mockumentary

Nico Kunkel und Jens Stoewhase sitzen nicht nur im Homeoffice und grübeln über potenzielle KanzlerkandidatInnen oder den möglichen Niedergang des Abendlan-des. Kunkel und Stoewhase begeben sich in der Pandemie stattdessen auf die Suche nach dem Journalismus der Zukunft. Wir laden Sie ein auf eine fiktionale Reise in das Jahr 2035.

Foto: © AdobeStock/desole

 

Teil 1: „Wickert“ – die künstliche journalistische Intelligenz

Als wir die Journalistin Charlotte am Morgen des 19.4.2035 treffen, feilt sie konzentriert an der finalen Fassung ihrer Reportage über Kanzlerkandidat Amthor. Das dreiminütige Videostück soll in ihrem nächsten Update erscheinen. Den Feinschliff macht der Mensch – noch immer.

Alles übrige hat „Wickert“ geliefert: Die Fakten über den Kanzlerkandidaten, seinen Werdegang und seine wichtigsten Positionen hat Charlotte direkt als individualisierten Off-Text für ihr Video aus dem System bekommen. „Wickert“ schlug ihr auch die passenden Bilder vor.

„Wickert“ liefert die Nachrichten zur politischen Lage, Wirtschaft, den Kulturreport, Lokales, auch Buntes und die Sportergebnisse. Gut recherchiert, gut sortiert, verständlich aufbereitet und in passende Formate gebracht für die Kanäle, in denen Charlotte publiziert.

Mittlerweile läuft das wie ein Uhrwerk. Am Anfang musste „Wickert“ lernen, seine künstliche journalistische Intelligenz aber reifte schnell, Charlotte und ihr personalisierter „Wickert“-Account gewöhnten sich aneinander. Inzwischen ist die Journalismus-App mit künstlicher Intelligenz die Stütze, die Charlottes redaktioneller Arbeit den Raum gibt und ihr Zeit verschafft, sich um das Wesentliche zu kümmern: Journalismus, wie sie ihn kennt und wie er inzwischen üblich ist. „Wickert“ liefert Informationen, checkt Fakten, wägt Argumente ab und entdeckt neue Quellen, kontaktiert sie sogar selbst. Das System ist dabei unbestechlich und schnell, unbiased und ohne eigene Filterbubble – und „Wickert“ produziert am Ende meist auch die besseren Stücke mit den Gedanken und Informationen, die Charlotte recher-chiert und zusätzlich mit ihm geteilt hat.

Früher hatte sich Charlotte darüber auch geärgert und sich um ihren Job gesorgt. Aber heute? Ohne „Wickert“ wäre moderner Journalismus nicht vorstellbar bzw. wohl nicht mehr attraktiv.

In den 2020er-Jahren hatten sich die Bedingungen für Journalismus deutlich verschlechtert. Plumpe Algorithmen hatten quasi die Chefredaktion übernommen, sie bestimmten Themenauswahl anhand von erwarteten Quoten und Reichweiten. Ge-gen Ende des Jahrzehnts dominierten dann Algorithmen zunehmend auch den Sound der Medien. Dieser Ton wurde mit der Zeit immer destruktiver. Denn das Prinzip Katastrophe, Skandal oder Empörung als schnelldrehende Medienware hatte sich nicht verändert.

Für Menschen im Journalismus wurde es ebenfalls eng: Die Honorare und Löhne fielen, denn das Werbegeld verdienten inzwischen die großen Netzwerke. Ehemals große Medienkonzerne schrumpften, entließen bald auch die letzten redaktionellen MitarbeiterInnen – JournalistIn wurde nur noch, wer es sich leisten konnte. Immer weniger junge Menschen entschieden sich am Ende für diesen Beruf, weil er Existenzen nicht mehr sichern konnte. Und weil auch das gesellschaftliche Klima sich gegen den Journalismus gewandt hatte. Stetig wiederholte negative Narrative hatten sich eben doch verfangen.

Charlotte ist heute trotzdem Journalistin und sie lebt gut davon. Anfang der 2020er-Jahre hätte man sie noch als eine Influencerin bezeichnet. Manche hätten sie auch als eine Aktivistin bezeichnet.

Mit Unzufriedenheit über die politischen Umstände und vielleicht auch etwas jugendlicher Naivität fing das bei ihr an, auf jeden Fall auch mit Euphorie. Über die Zeit bleib sie authentisch und ehrlich interessiert. Reichweite war ihr nicht wichtig, journalistische Regeln kannte sie nicht. Niemand hatte sie ihr beigebracht. Aber die Mechanismen, wie man die passenden Inhalte für das eigene Publikum – die Community – kreiert, die hatte sie mit dem Aufwachsen in den sozialen Netzen ganz natürlich erlernt. Erst learning by using, dann learning by doing.

Mittlerweile sind ihre Kanäle gewachsen und gut etabliert, sie liebt ihre Nische und sie kennt ihre Follower, trifft deren Ton. Ihre AbonnentInnen sind die Community. Große Medienmarken sind rar geworden, stattdessen florieren die kleinen, die passgenauen. Köpfe und Personen sind die relevanten Absender, inzwischen die eigentlichen journalistische Marken, denen die jeweiligen Communitys vertrauen. Menschen wie Charlotte werden von ihren jeweiligen NutzerInnen bezahlt – im Jahr 2035 natürlich mit digitalen Kryptowährungen, die so zahlreich sind, wie die Bezahloptionen, die Charlotte anbietet.

Klassische Redaktionen gibt es hingegen kaum noch. Die unterschiedlichen Meinungen, neue Ideen und persönliche Perspektiven, Gedanken, Gegenargumente, konstruktiven Streit, all das gibt es trotzdem noch. Für die Aufbereitung komplexer Themen arbeiten JournalistInnen wie Charlotte heute im Kollektiv und vernetzt. Dazu gehören dann meist DatenspezialistInnen und Fachpersonal, das jeweils die Ex-pertise für die Themen mitbringt. Dabei ist „Wickert“ nahezu immer Teil dieses temporäre aufgestellten Redaktionsteams. „Wickert“ lebt in der Cloud, so wie sei-ne KollegInnen auch.

Liebe LeserInnen, wir würden uns freuen, wenn wir mit dem 1. Teil unserer kleinen „Reportage“ ein paar Diskussionsanstöße gegeben hätten. Lassen Sie uns gern Ihr Feedback über die sozialen Kanäle oder per Email [redaktion@medienrot.de] zukommen. Wie sehen Sie die Medienarbeit, wenn Sie an die Zukunft so um 2035 denken?


Über die Autoren:
nico-kunkel_150x150pxNico Kunkel ist seit mehr als zehn Jahren professioneller Beobachter von Themen und Trends in Kommunikation, PR- und Medienindustrie. Er arbeitet als freier Journalist und Impulsgeber für Events und Netzwerke in der Branche. 2012 begründete Kunkel die PR-Nachwuchsinitiative #30u30. Er ist Herausgeber des PR Career Center, das PR-Studierende unterstützt und vernetzt. Nico Kunkel lebt in Berlin. Er twittert als @prreporter.

 

jst-autorenbild Jens Stoewhase ist seit 2012 einer der beiden Geschäftsführer der Rabbit Publishing GmbH, die das Onlinejournal medienrot.de im Auftrag von Landau Media betreibt. Innerhalb von Rabbit Publishing verantwortet er die Contentproduktion für verschiedene B2B-KundInnen und ein Branchenportal in der Automobilindustrie. Bis Ende 2011 betreute er selbst u.a. die digitalen Aktivitäten zahlreicher kommerzieller Kinder- und Jugendmagazine und YPS. Stoewhase arbeitete vorher jahrelang für den Onlinebereich der TV-Serie „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“, als Freelancer im Musikbereich und entwickelte Konzepte für digitale Angebote im Entertainmentsegment.