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Warum es vermutlich richtig ist, wenn Horst Seehofer ab Ende August twittern wird

Foto: © Fotolia/Groenning

Der deutsche Bundesinnenminister Horst Seehofer hat Anfang August bei einem Wahlkampfauftritt in einem bayerischen Bierzelt verkündet: „Ich fange wahrscheinlich Ende August selbst das Twittern an.“ Allein diese Ankündigung hat ihre Wirkung nicht verfehlt: Die Medien haben das Thema dankend aufgenommen und heiß ventiliert.

Die politischen GegnerInnen hatten ebenfalls ein Interesse, darauf zu reagieren. Und auf Twitter selbst entbrannten Diskussionen um das Für und Wider. Im Hause Seehofer wird man nicht mit jeder Reaktion glücklich sein, aber die Wirkung eines Satzes während einer Bierzeltrede hat dem gewitzten Langzeitpolitiker sicherlich ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.

Gut, inzwischen gibt es zahlreiche Fake-Accounts und Bots, aber der Innenminister wird sich schon Gehör verschaffen. Er wird vermutlich nicht unbedingt in Englisch twittern, aber die mediale Aufmerksamkeit der gut getimten Twitterei eines Mesut Özil wird auch einem Seehofer imponiert haben.

Doch Horst Seehofer ist nun eher spät auf dem Weg zu Twitter, da sind ganz andere PolitikerInnen bereits deutlich im Seniorlevel des Social Networks angekommen. Doch Seehofer und Team werden sicherlich schnell die gewünschte Aufmerksamkeit bekommen. Da ist so ein Teaser vorab schon mal das richtige Tool, wenn man einen medialen Programmpunkt zum Monatsende ankündigt – insbesondere dann, wenn man das auch noch in der Saure-Gurken-Zeit (Sommerloch) für JournalistInnen „raushaut“.

Seehofer wird klar sein, dass man ihn verspotten wird. Doch genau das geschah auch bei Angela Merkel, als sie ihren Videopodcast startete. Allerdings lag Merkel samt Team am Ende richtig: Ihre Videos wurden die perfekte Zitatemaschine für die Medien. Die Kanzlerin konnte quasi direkt die Zitate an die JournalistInnen durchgeben, ohne Rückfragen beantworten zu müssen. Das kleine Tool Videopodcast hat also jahrelang gewirkt.

Inzwischen übernimmt die Funktion der Zitatemaschine in der internationalen, aber auch nationalen Politik durchaus Twitter. Das permanente Feuerwerk an Tweets eines Donald Trump zeigt es. In Deutschland haben einzelne PolitikerInnen so gut wie aller Parteien das Triggern von Zitaten für die Medien ebenfalls begriffen. Diese Kunde dürfte demnach auch bis zu Horst Seehofer durchgedrungen sein.

Denn obwohl Twitter in Deutschland eine wirklich mickrige Reichweite aufzuweisen hat, laut ARD/ZDF-Onlinestudie 2017 gibt es hierzulande nur etwa 600.000 täglich aktive Twitter-NutzerInnen, ist der mediale Buzz groß. Auf Twitter trifft sich die digitale Medienszene. Sie hat Zugang zu reichweitenstarken Medien. Die MedienmacherInnen tragen die Tweets von PolitikerInnen, SportlerInnen oder Popstars als Zitate in ihre Medien. Und das fast ohne jede Anstrengung der twitternden Person. Das ist wenig Aufwand für viel Wirkung.

Eine aktuelle Studie der Berliner Agentur pollytix strategic research zeigt, dass bereits 73 Prozent der Abgeordneten im 19. Deutschen Bundestag über einen Twitter-Account verfügen. Dabei folgen diese PolitikerInnen vor allem den Twitter-Accounts von Medien (47), von anderen PolitikerInnen (37) aber auch den eigenen und fremden Partei- und Regierungsorganisationen (15).

Klar ist also: Horst Seehofer kann mit dem Einstieg in die Twitteria durchaus seine Medienwirkung verstärken, sofern die MedienmacherInnen es ihm leicht machen und seine Tweets ebenfalls wieder zu Zitaten verarbeiten und damit ihre Reichweite dem Innenminister zur Verfügung stellen.

Über den Autor:
jst-autorenbildJens Stoewhase ist Geschäftsführer der Rabbit Publishing GmbH, die das Onlinejournal medienrot.de im Auftrag von Landau Media betreibt. Dabei ist er auch Produzent des medienrot-Podcasts. Bis Ende 2011 betreute er selbst u.a. die digitalen Aktivitäten zahlreicher kommerzieller Kinder- und Jugendmagazine und YPS. Stoewhase arbeitete vorher jahrelang für den Onlinebereich der TV-Serie „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“, als Freelancer im Musikbereich und entwickelte Konzepte für digitale Angebote im Entertainmentsegment.