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PR-Branchen-Aussteiger sind ein Alarmsignal

Foto: © AdobeStock/blende11.photo


Christian de Vries war viele Jahre als Tageszeitungsredakteur tätig, später dann viele Jahre in der PR- und Öffentlichkeitsarbeit für mittelständische Unternehmen in verschiedenen Branchen unterwegs. Jetzt fährt er Bus. Dieser Branchen-Exit ist für unseren Kolumnisten Nico Kunkel ein Alarmsignal.

Lokführer werden ja verzweifelt gesucht, und in einem schwachen Moment hatte ich diesen Beruf auch mal als Alternative zur Kommunikationsbranche erwogen. Ein Kindheitstraum, mehr aber auch nicht. Neuanfang ist keine Option. Für Christian de Vries schon: Ein bestens vernetzter und erfahrener Kommunikationsprofi, er fährt jetzt Bus. Und kehrt der Branche damit vorerst den Rücken.

Als Disclaimer: Ich kenne keine Details, sondern interpretiere seinen Post im Internet, für den ihm viele Respekt gezollt haben. Mich hat er erstaunt, sehr beeindruckt – und auch erschreckt. De Vries schreibt: „Ich hatte einfach keine Lust mehr darauf, anderen Menschen erklären zu müssen, dass auch jemand mit 56 oder schon bald 57 Jahren sehr gut in der Lage ist, digitale Kommunikation nicht zur zu denken, sondern auch in die Tat umzusetzen.“ Wie kann das sein? In einer Branche, der es schwer fällt, Talente zu binden.

Auch wenn ich als Person mehr für PR-Nachwuchsarbeit stehe: Ich habe an dieser Stelle bereits öfter über Ageism in der PR-Branche und unsere mangelnde Wertschätzung für erfahrene Talente geschrieben – erstaunen hätte mich der Post von Christian de Vries also nicht dürfen. Zumal er nicht der erste Kollege ist, der mit der PR-Branche Schluss macht, sondern nur der erste, der das so öffentlich dokumentiert. Es ist nie zu spät für eine Veränderung. Sagt sich so leicht.

Hätte de Vries mit einem PR-Stunt auf Altersdiskriminierung in unserer Branche aufmerksam machen wollen, er hätte es genau so machen können. Es liegt ja eine Ironie darin, dass so ein radikaler Richtungswechsel Eigenschaften verlangt, die ihm potenzielle Arbeitgeber vermutlich aufgrund des Alters absprechen: die Lust auf Veränderung, die Traute, komplett neues Terrain zu erobern, die Bereitschaft zu lernen und auf Status zu verzichten.

Diese Themen sind akute Themen und harte Nüsse für uns alle, unabhängig vom Geburtsjahr und in dieser aktuellen Krise sowieso. Auch wenn das Alter hier konkret zur Hürde (gemacht) wird: Ich halte das Alter nicht für die richtige Klammer, um ein neues Netzwerk oder eine Initiative zu gründen. Die 60er-Marke ist eben ein Stigma, daran scheiterten bereits britische Kollegen mit ihrem Aufruf, 60 Kollegen über 60 Jahre zu versammeln.

Role Models sind immer gut. Dieser Bias aber erodiert nur durch die kontinuierliche und konkrete Zusammenarbeit in (alters-)diversen Teams, in denen Jung und Alt auf Augenhöhe kommunizieren können. So jovial und vorwärtsdenkend de Vries seine Geschichte auch aufschreibt: Mit so einem Branchen-Exit fließen Wissen und Erfahrung eines langen Branchenlebens ab, wir verlieren Tatendrang. Wir können es uns nicht leisten, solche Leute zu verlieren. Es ist ein Alarmsignal.


Links:

medienrot-Kolumne: Wie achten wir mehr auf unsere Senior Talents?

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nico-kunkel_150x150pxÜber den Autor: Nico Kunkel ist seit mehr als zehn Jahren professioneller Beobachter von Themen und Trends in Kommunikation, PR- und Medienindustrie. Er arbeitet als freier Journalist und Impulsgeber für Events und Netzwerke in der Branche. 2012 begründete Kunkel die PR-Nachwuchsinitiative #30u30. Er ist Herausgeber des PR Career Center, das PR-Studierende unterstützt und vernetzt. Nico Kunkel lebt in Berlin. Er twittert als @prreporter.