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Angela Merkel, LeFloid und #NetzFragtMerkel

BOOOOOM! Um gleich direkt mit der Sprache der Generation YouTube einzusteigen: Angela Merkel is Beste!

Zwischen drohendem Grexit, Atom-Verhandlungen mit dem Iran und NSA-Skandal nimmt sich die Bundeskanzlerin trotzdem Zeit und beantwortet Deutschlands YouTube-Star Florian Mundt (27) alias LeFLoid Fragen, die dieser vorab in der Netzgemeinde eingesammelt hat. Und das Netz will es wissen: Was denkt Frau Merkel über den NSA-Skandal, wie denkt sie über die Ehe für alle, was meint sie zum Kiffen oder einem bundeseinheitlichen Abitur.

Angela Merkel antwortet souverän und doch offen genug, allerdings ohne das eigene Parteilager in Aufruhr zu versetzen oder der Opposition gute „Munition“ zu liefern. Und LeFLoid schafft es nicht, mehr aus ihr herauszukitzeln. Die Kanzlerin bleibt die Kanzlerin. Sie behält die Deutungshoheit während der kompletten halben Stunde Interview. Sie bemerkt offenbar schnell, dass ihr Gegenüber ein höflicher und etwas nervöser, vermutlich auch noch unerfahrener Interviewer ist. Dabei lässt sie ihn nicht schlecht aussehen, wirkt nicht arrogant. Sie weiß eben: Stärke kann man auch durch Ruhe und Gelassenheit zum Ausdruck bringen.

Inhaltlich bleibt das Interview für die ZuschauerInnen dann doch überschaubar. Frau Merkels Antworten liefern keine neuen Erkenntnisse. Vielleicht liefern sie ein wenig Zitatmaterial für die klassischen Medien. Eventuell können sich einzelne gesellschaftliche Gruppen an einigen Antworten reiben, aber klare Kante zeigt die Bundeskanzlerin nicht. Muss sie auch nicht, denn die hat sie parallel gerade bei den Griechenland-Verhandlungen gesetzt. Das Interview ergänzt also das öffentliche Bild, ist ein Puzzle-Stück im großen Ganzen.

Die digitale Strategie

Das eigentlich Spannende an diesem Interview ist doch viel mehr die konsequent wirkende Digitalstrategie des Teams hinter der Kanzlerin.

Angela Merkel liefert seit Jahren mit dem VideopodcastDie Kanzlerin direkt“ passgenaue Zitate für die deutschen Medien. Hier kann sie ihre Botschaften direkt und ohne Rückfragen der Medien platzieren und durch sie transportieren lassen. (Landau Media Analyse zum Videopodcast der Kanzlerin >>)

In dem stark dialogorientierten und schnellen sozialen Netzwerk Twitter lässt sich die Kanzlerin samt Bundesregierung vom Regierungssprecher und Chef des Bundespresseamtes Steffen Seibert vertreten. Denn diesen schnellen Dialog könnte sie bei ihrem Arbeitspensum nicht führen. Autenthizität kann also auch bedeuten, man lässt sprechen. Das ist in diesem Fall dann sogar ehrlich und trotzdem irgendwie clever.

Über Facebook bekommt die geneigte Gesellschaft Einblicke in die Arbeit der Bundesregierung. Auf diesem Kanal lesen bereits nach wenigen Monaten schon mehr als 100.000 Interessierte mit. [Nachtrag: Der Facebook-Account von Angela Merkel hat gar 1,1 Mio. Fans] Und dort können sich auch diejenigen an der Bundespolitik abarbeiten, die sonst lange Briefe geschickt haben. Und das Social-Media-Team der Bundesregierung schafft erstaunlich souverän den Umgang selbst mit den penetrantesten KandidatInnen und ihren textlichen Ausfällen.

Den letzten Coup – vor dem LeFloid-Interview – landete das Team Merkel jedoch mit dem Instagram-Account der Bundeskanzlerin. Ausdrucksstarke Fotos formen das Bild einer sympathischen, dauerhaft arbeitenden und in sich ruhenden Angela Merkel. Auch wenn unter den Bildern schwer diskutiert wird, die Bilder einer stets besonnen wirkenden Bundeskanzlerin prägen sich insbesondere bei der jüngeren Generation ein.

Nach Podcast, Twitter, Facebook und Instagram bleibt also nur noch YouTube. Es ist das Netzwerk für Bewegtbildinhalte schlechthin. Und wenn man keinen starken eigenen Kanal dort hat, dann baut man seine Reichweite eben über reichweitenstarke YouTube-Kanäle auf. Darüber hinaus kann man – anhand der Wahl des interviewenden YouTubers – recht treffend die gewünschte Zielgruppe adressieren. Und genau das ist geschehen. Das Team Merkel hat mit LeFloid einen der wichtigsten YouTuber mit mehr als 2,6 Mio. AbonnentInnen ausgewählt. Stand 10 Uhr am 14. Juli 2015 wurde das Video bereits mehr als 900.000 Mal angeschaut. Die Vor- und Nachberichterstattung rund um das Interview ist immens. Fazit: Angela Merkel landet punktgenau mit ihren Ansichten bei einer Zielgruppe, die dringend Nachholbedarf bei der Politikvermittlung hat und im Hinblick auf die Bundestagswahl 2017 eine interessante Wählerschaft sein dürfte.

Schaue ich mir also die digitale Kommunikationsarbeit von Angela Merkel und ihrem Team an, dann stelle ich fest:
Mit viel finanziellem und personellem Aufwand werden Politik und politische Haltungen vermittelt – in kleinen, gut konsumierbaren Häppchen und in einfachen Bildern und Worten. Die Kanzlerin bzw. ihr Team geben dabei den Takt vor. Die Medien laufen häufig hinterher – statt zu agieren, müssen sie reagieren. Das Team Merkel hat sich den direkten Weg zum Publikum aufgebaut – an den klassischen Medien vorbei. So gewinnt man nicht nur als Politikerin ein Stück der eigenen Deutungshoheit zurück.

Was habe ich persönlich gelernt?

Angela Merkel hat jetzt den Dialog mit den BürgerInnen begonnen, das sieht sie selbst so und spricht das auch direkt im Interview an. Denn genau für die Kampagne „Gut Leben in Deutschland“ der Bundesregierung ist das Interview ein willkommener Schub an Aufmerksamkeit. Darüber hinaus muss ich jedoch auch von YouTube-Interviews der Bundeskanzlerin keinen neuen Scoop erwarten.

jst-autorenbildÜber den Autor: Jens Stoewhase ist Chefredakteur bei medienrot.de und Gründer und Geschäftsführer der Rabbit Publishing GmbH, die dieses Onlinejournal im Auftrag der Landau Media AG betreibt. Bis Ende 2011 betreute er selbst u.a. die digitalen Aktivitäten zahlreicher kommerzieller Kinder- und Jugendmagazine und YPS. Stoewhase arbeitete vorher jahrelang für den Onlinebereich der TV-Serie „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ und als Freelancer im Musikbereich und entwickelte Konzepte für digitale Angebote im Entertainmentsegment.