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Wildes Gezwitscher um Twitter

Foto: © Fotolia/harvest

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Die Gerüchte

Über den Kurznachrichtendienst Twitter gibt es derzeit viel zu lesen. Angeblich steht Twitter zum Verkauf, Salesforce, Google, Verizon und Disney sollen Angebote abgegeben haben. Diese Gerüchte über einen möglichen Verkauf sorgten dafür, dass es steil bergauf ging mit der Twitter-Aktie. Noch im Oktober solle über den Verkauf entschieden werden.
Doch nun heißt es, potenzielle Bieter wie Walt Disney oder Apple seien bereits nicht mehr an einer Übernahme des Kurznachrichtendienstes interessiert. Die Twitter-Aktie fällt. Seit dem 5. Oktober habe der Dienst ein Drittel seiner Börsenbewertung verloren, schreibt das Handelsblatt. Nun liegen alle Hoffnungen auf Salesforce als Twitter-Käufer. Und der Cloud-Service-Anbieter könnte den Zwitscherdienst gut gebrauchen – mit den Meta-Daten von Twitter ließe sich das Kerngeschäft Salesforce-Chef Marc Benioff zukunftsfähig machen.

Das Gedankenexperiment

Am 27. Oktober legt Twitter-Chef Jack Dorsey die neuen Quartalszahlen vor. Bis dahin werden sich mögliche Bieter wohl erst einmal zurückhalten. In der Zwischenzeit können wir ja ins Gedankenexperiment von  re-publica-Gründer und Kolumnist Johnny Haeusler einsteigen, der sich fragt: Was wäre wenn … Twitter keinem Unternehmen, sondern uns allen gehören würde? Platz für Ideen gibt’s in diesem Google Doc – die Auswertung folgt dann in der kommenden Woche.

Der Aufreger

Doch nicht nur mit Verkaufsgerüchten sorgt Twitter derzeit für Aufmerksamkeit. Einen Aufreger gab es hierzulande Ende September, als Schauspielerin Sophia Thomalla und TV-Autor Micky Beisenherz mit kontroversen Tweets provozierten

Im Nachgang wurde das Ganze dann als Experiment deklariert, um der Gesellschaft „mal bewusst den Spiegel [vorzuhalten]“.

Das ging nach hinten los, wie sich an den Kommentaren zu diesem Facebook-Post nur unschwer ablesen lässt. In Summe war der Eklat aber offenbar nur eine schlechte PR-Idee zur *huch* in der darauf folgenden Woche neu startenden Sendung „Pain & Fame“ mit Frau Thomalla auf dem Spartensender Sixx. TV-Autor Beisenherz war die Nummer letztlich so peinlich, dass er daraus gleich wieder Entschuldigungscontent für seine Stern-Kolumne ziehen konnte.

Die Studienergebnisse

Darüber hinaus war der Kurznachrichtendienst auch Gegenstand einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung. Demnach werden die Chancen der politischen Kommunikation über Twitter überschätzt. „Letztlich zeigt sich, dass ein Hashtag in Twitter dann erfolgreich ist, wenn traditionelle Medien involviert oder relevante Kommunikatoren beteiligt sind“, lautet das Fazit der Studien-Autoren Mathias König und Wolfgang König. Desweiteren kritisieren sie die fehlende Transparenz bezüglich der Kriterien, auf denen Twitters Trending Topics beruhen. Allerdings zeigt die Studie „#MythosTwitter – Chancen und Grenzen eines sozialen Mediums“ auch, dass JournalistInnen und etablierte Kommunikationsprofis die Twitter-Kommunikation dominieren. Wer also genau diese erreichen will, ist hier goldrichtig.

Andere Erkenntnisse wiederum lassen Twitter in einem attraktiveren Licht erscheinen. Die amerikanische Digital-Agentur WebsiteFX aus Harrisburg (Pennsylvania) hat untersucht, warum Twitter für Marketing und Unternehmen wichtig ist: Der Microblogging-Dienst ist mit mehr als 310 Mio. aktiven NutzerInnen noch immer eines der größten sozialen Netzwerke, eignet sich besonders für die Kommunikation zwischen einem Unternehmen und seinen KundInnen und ist dabei wichtig für deren Kaufentscheidungen. Für vier von fünf NuztzerInnen hat Twitter inzwischen sogar einen höhere Bedeutung für Kaufentscheidungen als das klassische Fernsehen.

Aller Kritik und Gerüchte zum Trotz sollten Unternehmen also abwägen, inwiefern sie die Möglichkeit, ungefiltert und direkt mit ihren Zielgruppen kommunizieren zu können, für sich und ihre Kommunikationsziele nutzen können und wollen. Tolgay Azman, Redaktionsleiter Business Punk, fasst zusammen: „Das Netzwerk mag zwar im Großen und Ganzen an Relevanz verloren haben, aber: Twitter bietet nach wie vor die Möglichkeit, transparent, ungefiltert sowie authentisch zu kommunizieren – und das schnell und unkompliziert. Während in anderen Netzwerken vor allem Influencer und große Publisher Diskurse anstoßen, bietet Twitter praktisch jedem User die Chance, den richtigen Nerv zu treffen – egal ob mit oder ohne große Follower-Zahl.“

Auch Dirk von Gehlen, Social-Media-Chef der Süddeutschen Zeitung, ist überzeugt, dass Twitter „heiß“ bleibt. Im Interview mit t3n sagte er: „Erlebbarer Journalismus, live, das ist einer der wichtigsten Entwicklungsstränge im Journalismus. Und da ist Twitter total stark. […] Twitter bleibt trotzdem das Medium, an das ich mich wende, wenn ich zum Beispiel live über ein Ereignis informiert werden will.“

Wer also um die Stärken und Schwächen des Kurznachrichtendienstes weiß, kann diesen sinnvoll in die eigene Kommunikationsstrategie integrieren. In diesem Sinne: fröhliches Zwitschern!


Nicole-Storch_2015_150x150pxÜber die Autorin: Nicole Storch ist freiberufliche Autorin für Print und Online. Zuvor betreute sie als Redakteurin beim Egmont Ehapa Verlag zahlreiche Kinder- und Jugendzeitschriften. Während ihres Studiums der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der UdK Berlin arbeitete sie bereits als freie Texterin für verschiedene Agenturen.