Wedium startet als europäische TikTok-Alternative

Foto: © wedium
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Mit Wedium geht ein Berliner Start-up an den Start, das TikTok und Instagram mit einem europäischen Gegenmodell herausfordern will. Die Kurzvideo-Plattform ist seit Ende Juli offiziell in Deutschland, Österreich und der Schweiz verfügbar – im Herbst soll der Start in weiteren europäischen Ländern folgen. Nach einer Testphase mit rund 15.000 Nutzer:innen peilt Wedium bis Jahresende eine Million Nutzer:innen an.

Inhaltlich setzt Wedium auf ein aus TikTok bekanntes Prinzip: Nutzer:innen können vertikale Kurzvideos durchscrollen und sich von einem Algorithmus neue Inhalte empfehlen lassen. Gleichzeitig will sich die Plattform bewusst von den großen Vorbildern abgrenzen. Wedium verspricht ein soziales Netzwerk „mit europäischen Werten“, das ohne Fake-Accounts und Bots auskommen, weniger auf maximale Verweildauer setzen und stattdessen einen „gesunden Algorithmus“ bieten soll. Die Plattform will zudem journalistische und Bildungsinhalte fördern und Creator:innen an den Werbeeinnahmen beteiligen.

Ein zentraler Unterschied liegt bereits beim Zugang: Wer selbst Inhalte veröffentlichen möchte, muss seine Identität über einen europäischen Dienstleister überprüfen lassen. Nach außen können Nutzer:innen dennoch anonym beziehungsweise unter einem Pseudonym auftreten. Die Verifizierung soll Bots und Fake-Accounts eindämmen und zugleich die Moderation erleichtern. Genau diese Hürde könnte allerdings auch zum Problem werden: Expert:innen bezweifeln, dass Nutzer:innen bereit sind, für ein neues soziales Netzwerk ihren Personalausweis oder Reisepass zu hinterlegen.

Auch beim Algorithmus will Wedium einen anderen Weg einschlagen. Die Plattform bietet zwei Feeds: „For we“ zeigt Beiträge aus dem eigenen Netzwerk, während „For me“ darüber hinaus Inhalte empfiehlt. Die Empfehlungslogik wurde nach Angaben des Unternehmens gemeinsam mit einem Ethikrat entwickelt und soll nicht primär darauf ausgelegt sein, Nutzer:innen möglichst lange in der App zu halten. Zusätzlich können Nutzer:innen ihre gewünschte Bildschirmzeit festlegen – nach Ablauf soll ein Hinweis zum Verlassen der App erscheinen.

Jugendschutz und Moderation gehören ebenfalls zum Konzept. Minderjährige sollen Wedium nur gemeinsam mit ihren Eltern über entsprechende Eltern-Kind-Accounts nutzen können. Inhalte sollen von einer Kombination aus menschlicher Moderation und KI überprüft werden. Geplant sind abgestufte Sanktionen von Hinweisen und Verwarnungen bis zum Ausschluss. Die Gründer wollen außerdem gegen Desinformation, manipulierte Inhalte und Hassrede vorgehen.

Finanzieren will sich Wedium über Werbung und ein werbefreies Freemium-Abo für rund neun Euro im Monat. Gleichzeitig sollen Creator:innen von Beginn an an den Werbeerlösen beteiligt werden. Über ein Punktesystem sollen sie entsprechend ihrer Interaktionen an den Einnahmen partizipieren.

Der Anspruch ist damit hoch – die Konkurrenz allerdings ebenfalls. TikTok und Instagram verfügen über Milliarden Nutzer:innen, riesige Content-Bibliotheken und eingespielte Creator-Ökosysteme. Medien- und Digitalexpert:innen sehen deshalb vor allem die fehlende kritische Masse als größte Herausforderung. Ein soziales Netzwerk kann noch so datenschutzfreundlich, moderat und fair gestaltet sein: Ohne genügend Nutzer:innen fehlen Inhalte, Reichweite und damit wiederum der Anreiz für weitere Menschen, zu wechseln.

Auch die Identitätsprüfung bleibt ein Spannungsfeld. Sie kann zwar Bots und Fake-Accounts erschweren, erhöht aber gleichzeitig die Einstiegshürde und wirft Fragen nach Anonymität und Datenschutz auf. Gerade für Whistleblower:innen, politische Aktivist:innen oder andere schutzbedürftige Nutzer:innen kann die Möglichkeit, Inhalte anonym zu veröffentlichen, eine wichtige Funktion sozialer Netzwerke sein.

Wedium will also vieles anders machen als TikTok und Instagram. Ob das reicht, um Nutzer:innen tatsächlich zum Wechsel zu bewegen, muss sich allerdings erst zeigen. Denn gerade bei sozialen Netzwerken entscheidet am Ende nicht nur das Konzept, sondern vor allem die Zahl der Menschen, die mitmachen und regelmäßig Inhalte teilen. Der Start ist deshalb vor allem ein ambitionierter Versuch, eine europäische Alternative zu den etablierten Plattformen aufzubauen.

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