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Was ist eigentlich Bioplastik? Medienanalyse zu einem diskussionswürdigen Begriff

Foto: AdobeStock/thingamajiggs

Bio – das steht doch für Nachhaltigkeit und „grünes“ Gewissen. Plastik – das sind Meeresverschmutzung und brennende Müllberge. Was man lange Zeit als Gegenspieler betrachtet hatte, funktioniert plötzlich zusammen. In der öffentlichen Debatte wird Bioplastik kontrovers diskutiert: Für die einen ist es nur ein weiteres Umweltproblem, für andere ist es ein zukunftsweisendes Material, welches rein erdölbasierte Kunststoffe langfristig ablösen wird. Allerdings ist es wichtig zu verstehen, dass Bioplastik in unterschiedlichsten Zusammensetzungen vorkommt. Manchmal ist es biologisch abbaubar, manchmal wird es aus Bioabfall hergestellt. In einigen Fällen besteht es zum Großteil aus Erdöl oder kann nicht unter natürlichen Umweltbedingungen abgebaut werden.

Die fehlende Klarheit darüber, was Bioplastik eigentlich ist und viele Akteure, die stark gegensätzliche Einstellungen zur Thematik haben, sind gute Gründe, um die mediale Diskussion genauer zu analysieren. Im Zeitraum zwischen dem 4.5.2019 und dem 20.6.2019 wurden dafür alle Medien ausgewertet, in denen Bioplastik oder Biokunststoffe thematisiert wurden. Insgesamt konnten 1015 Meldungen aufgefunden werden.

Wo findet diese mediale Auseinandersetzung statt? Vor allem auf Social-Media-Kanälen ist Bioplastik relevant. Twitter als Diskussionsmedium ist dabei am stärksten vertreten, aber auch bei Instagram können fast so viele Beiträge wie bei Facebook aufgefunden werden. In Tageszeitungen ist die Anzahl der Beiträge verhältnismäßig gering.

Betrachtet man den zeitlichen Verlauf, dann fallen einige Peaks bei der Reichweite und der Anzahl der Meldungen auf.

Am 22.5. wurden 64 Meldungen identifiziert und eine hohe Reichweite gemessen. Vor allem der Vorwurf, dass Becher aus Biokunststoff in deutschen Fußballstadien bloß „Greenwashing“ seien, bekam viel Aufmerksamkeit.

Am 6.6. war die Reichweite am zweithöchsten. Ein Beitrag von Spiegel Online, in dem die Kritik von NGOs an Biokunstoffen dargestellt wird, trägt entscheidend dazu bei. Am 11.6. waren jeweils Reichweite und Anzahl der Meldungen am höchsten. Grund dafür sind eine Ankündigung von Aldi (Beutel sollen in Zukunft aus Bioplastik gefertigt werden) und eine Veranstaltung der „Langen Nacht der Wissenschaften“, bei der vorgestellt wird, wie aus Bakterien Bioplastik hergestellt werden kann.

Um genauer zu strukturieren, wie Bioplastik thematisiert wird, wurden sechs Subkategorien erstellt, in welche die Meldungen einsortiert wurden.

Bei der Anzahl der Beiträge dominiert „Bioplastik-allgemein“, gefolgt von der Kategorie „Unternehmensstrategie“. Betrachtet man die Reichweite der Subkategorien, wird deutlich, dass vor allem Beiträge, in denen es darum geht, wie Unternehmen sich umgestalten und dabei auf Bioplastik setzen, eine besonders hohe Reichweite erzielt haben. Vor allem Aldi konnte mit ihrer bereits erwähnten Strategie eine große Medienresonanz erzielen.

Aber die Redaktionen der Öffentlichkeit können ganz unterschiedliche ausfallen. Daher wurden für alle Beiträge ausgewertet, wie Bioplastik bewertet wird.

Insgesamt zeigt sich ein sehr diverses Bild. Bei Beiträgen zu Veranstaltungen oder Diskussionsrunden zu Bioplastik wird der Sachverhalt meistens als neutral beschrieben. Neue Produkte aus Bioplastik werden hingegen hauptsächlich als positiv bewertet. Anbieter bewerben ihre Produkte damit, dass mit dem Kauf ein Beitrag zur Nachhaltigkeit geleistet werden könne, da Bioplastik den herkömmlichen Produkten überlegen sei. Wenn Meldungen zu Forschungsergebnissen vorliegen, dann zeigt sich ein differenzierteres Bild. Hier wird dazu tendiert, Bioplastik ausgewogener zu diskutieren. Beiträge zur Unternehmensstrategie werden ebenso kontrovers diskutiert. Zwar gibt es auf oft viel Zuspruch für den Versuch Plastik zu sparen und mehr Bioplastik einzusetzen, aber der Vorwurf des „Greenwashings“ wird fast ebenso häufig vorgebracht.

Wie kommt das Bioplastik also in der öffentlichen Diskussion an? Es hat sich eine sehr lebendige öffentliche Debatte darum entwickelt, ob das neue Material entweder eine Chance für eine nachhaltigere Zukunft ist oder einfach nur ein weiteres Umweltproblem darstellt. Die Unklarheit darüber, was Bioplastik denn eigentlich ist, hat aber auch dazu geführt, dass sehr schnell besonders positive oder negative Urteile gefällt werden. Unternehmen werden in Zukunft verstärkt darauf achten müssen, deutlich zu erklären, was sie denn eigentlich verkaufen, wenn sie Bioplastik vermarkten möchten. Falls nicht, dann dürften Konsument*innen weiterhin kritisch bleiben.

Ausführliche Informationen zu Biokunststoffen gibt es beim Umweltbundesamt >>


Über den Autor: Moritz Hahn ist Data Analyst bei Landau Media. Er studiert Politikwissenschaft und Medien- und Kommunikationswissenschaft in Berlin und verstärkt seit April das Medienanalyse-Team von Landau Media.