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Warum Robert Habeck vielleicht richtig handelt?

Foto: Dominik Butzmann

Robert Habeck ist Parteivorsitzender von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und hat Anfang der Woche per Blogbeitrag verkündet, dass er seine Accounts bei Twitter und Facebook löschen will. Und vielleicht macht er damit fast alles richtig …

Schauen wir kurz quer, was man bei Twitter und Facebook wirklich an fairer Diskussion zwischen PolitikerInnen und NutzerInnen der sozialen Netzwerke so erlebt … Mir fällt da nicht viel auf. Hat sich doch bei Twitter ein gegenseitiges Abwatschen etabliert. Menschen beschimpfen massiv PolitikerInnen und andere NutzerInnen. Seltenst kommt es zu Dialogen oder gar Diskursen. Im besten Fall werden Standpunkte gegenseitig mitgeteilt.

In den vergangenen Monaten fiel mir häufiger auf, wie hart der Ton in den Kommentaren von Facebook-Postings oder die Antworten auf Tweets waren. Warum sollte sich ein Politiker (Habeck) damit auseinandersetzen? Gleichzeitig empfand ich die Mehrzahl von Posts politischer ProtagonistInnen in der Vergangenheit mehr und mehr als Parolen, die im Wesentlichen dazu dienten, als Zitate in den Medien zu landen. Auch das ist keine Form des Dialogs oder Diskurses. Es ist eine Flatrate für bequeme JournalistInnen und Menschen, die die Standpunkte ihrer Parteien retweeten oder teilen wollen.

Robert Habeck hat sich in zwei Videos verbal verzettelt. Das ist blöd. Seine Konsequenz: Er gibt seine Accounts auf. Accounts, die ihn von seiner eigentlichen Tätigkeit abgelenkt haben, wie er es selbst beschreibt. Ob er damit richtig liegt, unterschwellig den beiden Kanälen die Schuld dafür zu geben, das würde ich gern mit ihm persönlich diskutieren. Da sehe ich eher die Verantwortung bei einem gestandenen Erwachsenen. Recht gebe ich ihm aber, wenn er feststellt, dass die beiden Kanäle das eigene Handeln beeinflussen. Und wenn man mit seinem beeinflussten Handeln nicht mehr glücklich ist, dann sollte man es ändern. Das tut er. Und die Mehrzahl der echten und gefühlten Kommunikationsprofis scheint – wenn man Tweets Glauben schenken darf – dies als die falsche Entscheidung zu sehen.

Wenn ich mir jedoch Twitter anschaue, dann muss man dem sozialen Netzwerk doch attestieren, eine sehr kleine Gruppe von Menschen überhaupt zu erreichen. Christian Buggisch hat gerade die frischen Zahlen der sozialen Netzwerke und Messenger zusammengetragen. Demnach kommt Twitter in Deutschland laut ARD/ZDF-Onlinestudie auf 2,5 Millionen wöchentliche und 0,6 Millionen tägliche aktive Twitter-NutzerInnen. Das ist mal ordentlich dünne. Twitter ist also in erster Linie ein Kanal, den wohl PolitikerInnen nutzen, um ganz spezielle Nischenzielgruppen zu bedienen. Das ist vollkommen legitim und im Rahmen einer gesamten Kommunikationsstrategie vermutlich sogar sinnvoll. Twitter ist aber nur ein Sturm im Wasserglas, wenn man tatsächlich mit Leuten in den Dialog kommen will – wie ich es bereits oben beschrieben habe. Facebook hat da schon ganz andere Zahlen. Dort sind es rund 20,5 Millionen Deutsche, die das Netzwerk wöchentlich und etwa 13 Millionen, die das Netzwerk täglich nutzen. Allerdings haben sich in den letzten drei Jahren insbesondere Kommunikationsprofis darüber beschwert, wie schwierig und teuer es geworden ist, will man auf Facebook Reichweite generieren.

Gleichzeitig haben die Facebook-Seite der Grünen knapp 200.000 AbonnentInnen und der Twitter-Account der Partei liegt bei knapp 440.000 VerfolgerInnen. Robert Habeck kann seine zukünftigen Statements also sehr gut über diese Seiten ausspielen lassen. Dort steht ihm womöglich auch ein Team zur Seite, das ihm zur Not passendes Feedback auf stumpfe oder schwierige Videostatements gibt.

Fazit: Ich sehe seit längerer Zeit keinen fairen Dialog oder Diskurs bei Facebook oder Twitter zwischen PolitkerInnen und potenziellen WählerInnen und/oder JournalistInnen. Robert Habeck verliert demnach keine tatsächlichen Optionen auf Kommunikation auf Augenhöhe, weil es diese Augenhöhe womöglich nie gab oder nicht mehr gibt. Robert Habeck verliert in erster Linie – für mich – die eigene Reichweite, um seine Statements als Zitate in den Medien zu platzieren. Dafür gibt es jedoch starke Accounts der Partei, die das auffangen könnten. Gleichzeitig wird der Grünen-Chef vielleicht wieder mehr Interviews und Gespräche mit JournalistInnen führen, die dann viel ausführlicher seine Positionen darstellen und hinterfragen können.

Eines hat Robert Habeck aber gerade komplett gewonnen: Er zeigt bis zu einem gewissen Maß Einsicht, was ihn sympathisch macht. Viel wichtiger ist jedoch: Er kann nun ganz ungestört Leckereien mit Blattgold verzehren. Könnte man eventuell auch als Verbesserung der Lebensqualität empfinden …

Über den Autor:
jst-autorenbildJens Stoewhase ist Geschäftsführer der Rabbit Publishing GmbH, die das Onlinejournal medienrot.de im Auftrag von Landau Media betreibt. Dabei ist er auch immer wieder als Produzent von Podcasts aktiv. Bis Ende 2011 betreute er selbst u.a. die digitalen Aktivitäten zahlreicher kommerzieller Kinder- und Jugendmagazine und YPS. Stoewhase arbeitete vorher jahrelang für den Onlinebereich der TV-Serie „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“, als Freelancer im Musikbereich und entwickelte Konzepte für digitale Angebote im Entertainmentsegment. Der Autor ist Mitglied der SPD.