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Warum Branchenveranstaltungen kleiner und intimer werden

Foto: © AdobeStock/GaudiLab

Von Berufswegen beobachte ich genau, wie sich die Netzwerke in unserer Branche entwickeln. Der neue Jahrgang der PR-Nachwuchsinitiative #30u30 , mit dem ich mich in den letzten Wochen intensiv beschäftigt habe, zeigt (erneut) deutlich: An sich bräuchte es mich nicht mehr. Alle kennen alle, zumindest digital. Doch das Gefühl täuscht, glaube ich.

Je mehr die Menschen vermeintlich miteinander vernetzt sind, desto stärker scheint ihr Wunsch, sich abseits der Masse auszutauschen. Sie suchen Verbindlichkeit und Augenhöhe, die sie auf großen Konferenzen nicht finden. Menschen kommen dort nicht mehr (nur) hin, um Vorbilder auf Bühnen zu erleben. Sie kommen vor allem wegen der Menschen, die neben ihnen vor der Bühne sitzen

Und die ersten Konferenzen reagieren darauf. Aufgefallen ist mir da unlängst das noch junge Format Hans & Marie, das von der Strategieagentur different ausgerichtet wird. Erstmals haben die Macher in diesem Jahr auf die klassische Abschlussparty verzichtet und stattdessen dezentrale Dinners arrangiert, verteilt über ganz Berlin. Vorteil: Der einzelne verliert sich nicht in der Masse der Abendveranstaltung oder verbirgt sich den Abend über in der Gruppe, mit der er bereits angereist ist. Sondern er stößt auf neue Gesellschaft, die so überschaubar ist, dass ihn nachher nicht erst eine Visitenkarte erinnern muss, wie am Vorabend sein Gesprächspartner hieß.

Immer mehr pointierte Formate wie Working Out Loud, Hacks oder sogenannte Bench-Learning-Sessions stiften und vertiefen nicht nur Beziehungen. Sie geben in Netzwerken auch individuelles Wissen weiter. Als ein Extrem erlebe ich dabei Ansätze wie den von norn.co, einer internationalen Eventreihe, bei der ich erst neulich an die Spitze der Warteliste gerutscht bin: Intime Atmosphäre und der intensive Gedankenaustausch stehen im Vordergrund. Smalltalk scheint tabu. Handys sind nur im Flugmodus erlaubt.

Die Sehnsucht nach analogen und überschaubaren Formaten steigt – zulasten der großen Events. Mit Christian Muche und Frank Schneider setzen ausgerechnet die zwei ehemaligen Macher von Massenveranstaltungen wie der dmexco in Zukunft auf überschaubare Events mit ausgesuchter Zielgruppe. Ein anderes Beispiel ist die neue Eventreihe „The German Apartment“, mit der die Agentur fischerAppelt in Zukunft die großen internationalen Branchenevents begleiten will. Botschaft: Neue Erkenntnisse lassen sich gemeinsam besser verdauen.

Angesicht der rapide wachsenden Anzahl an Netzwerken werden Netzwerke stärker rechtfertigen müssen, warum sie existieren. Netzwerken kann nicht länger Selbstzweck sein, wenn das je ernsthaft so war. Frauennetzwerke etwa leisten ihren Beitrag, die überfällige Teilhabe und Gleichberechtigung von Frauen in der Arbeitswelt zu forcieren. Unsere #30u30-Nachwuchskampagne mausert sich vom PR-Talente-Förderprogramm allmählich zu einer Plattform, aus der neue Netzwerke hervorgehen und mit der Menschen mit- und voneinander lernen. Peer to Peer.

Mir scheint es, als ob unsere Branche langsam wieder den Wert nachhaltiger und hochwertiger Beziehungsarbeit schätzen lernt und begreift, dass Netzwerke Wissen bergen, das allerdings weder digital verfügbar noch mühelos abrufbar ist. Dieses Prinzip war mir für unser Nachwuchsnetzwerk immer wichtig. Wir werden in Zukunft mehr denn je von belastbaren Netzwerken brauchen, die uns Wissen liefern, von dem wir heute noch nicht wissen, dass wir es morgen brauchen.

Insgeheim bin ich froh, dass ich (bisher) der Versuchung widerstanden habe, auf #30u30 einen Karrierekongress mit 500 Leuten aufzubauen. Viel lieber mache ich 50 Kongresse mit 10 Leuten. Alle nehmen daraus einfach mehr mit.