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VR, AR, KI & Co.: Die Zukunft des Corporate Learnings ist smart

Foto: © Fotolia/Tierney

Wer an Corporate Learning denkt, also die Weiterbildung am Arbeitsplatz, der hat leider noch allzu häufig starre und trockene Kursabfolgen vor Augen. Langeweile ist programmiert und Kurse werden häufig nicht zu Ende gebracht. Eine nicht unerhebliche Menge an Zeit wird verschwendet, obwohl ja manchmal nur nach einer schnellen Information gesucht wird, dafür aber ein ganzer Kurs durchlaufen werden muss. Frust entsteht auf allen Seiten, bei den Lernenden genauso wie bei den Trainingsverantwortlichen des Unternehmens.

Für Unternehmen ist es allerdings unerlässlich, die Mitarbeiter in ihrer Weiterentwicklung zu fördern: Die besten Mitarbeiter werden schließlich gemacht und nicht gefunden. Gerade angesichts des gegenwärtigen Fachkräftemangels, der zu einem wahren War for Talents führt, müssen Mitarbeiter so gefördert werden, dass sie optimal ins Unternehmen passen und gerne dort bleiben.

Corporate Learning muss intuitiv werden

Lernen gehört wie die Neugier zum Leben und zur Kultur des Menschen. Lernen muss sich so natürlich und intuitiv wie möglich anfühlen. Nur: Es gibt viele unterschiedliche Lerntypen, jede Person lernt anders. Unterschiedliche Generationen wollen unterschiedlich motiviert werden. Für Schulungsmaßnahmen in Unternehmen birgt dieses Phänomen Herausforderungen: Alle in ein und dieselbe Kursabfolge mit vorgegebenen Formaten zu stecken, bringt eher wenig. Das haben wir schon aus Schulzeiten in schlechter Erinnerung. Die Abbrecherraten bei den herkömmlichen Corporate-Learning-Einheiten zeigen das deutlich: Laut Elliott Masie bringen bis zu 85 Prozent der Kursteilnehmer einen Kurs nicht zu Ende.

Jetzt kommt die gute Nachricht: So muss es nicht mehr sein! Neueste Technologien sind in der Lage, ein intuitives und der natürlichen Neugier folgendes Lernerlebnis zu erzeugen und Lerninhalte in verschiedenen Formaten bereitzuhalten. Dies erlaubt den Lernenden, nach eigenen Vorlieben zu lernen.

Augmented und Virtual Reality (AR und VR)

In der Augmented Reality, also der erweiterten Realität, ist die sichtbare Umgebung mit digitalen Einblendungen angereichert. Spätestens mit dem Hype um PokémonGo ist diese Technologie im Bewusstsein der breiten Masse angekommen. Möglich wird diese Erweiterung auf zwei verschiedene Arten: Mit einem Smartphone oder Tablet wird über die Kamera die Umgebung aufgenommen und die Software überlagert das Kamerabild mit den digitalen Inhalten auf dem Bildschirm. Mit einer speziellen Brille, etwa Google Glass oder Microsoft HoloLens, sieht das Auge selbst die normale Umgebung und die Brille blendet die zusätzlichen Inhalte ein. Boeing unterstützt mit AR die Elektriker bei der Verkabelung des Flugzeugs, einer komplexen Aufgabe mit null Fehlertoleranz. Die Techniker haben mit der Brille die Schaltpläne direkt vor Augen und die Hände für die Arbeit frei.

Für die Virtual Reality ist die Szene komplett digital erzeugt und am eindrucksvollsten über eine 3D-Brille wie die Oculus Rift oder HTC Vive zu erleben. Spezielle sensorische Eingabegeräte ermöglichen eine Interaktion des eigenen Körpers mit der digitalen Welt. Hier ist ein völliges Eintauchen, die sogenannte Immersion, in die virtuelle Situation sehr gut möglich. Im Corporate Learning ist dies eine kostengünstigere und sichere Alternative, wenn es um das Erlernen von Tätigkeiten in Gefahrenzonen, mit hochsensiblen Gütern oder auch in schwierigem Gelände geht. Zum Einsatz kommt VR bereits in der Ausbildung von Rettungskräften, wie bei der Feuerwehr im bayerischen Landkreis Cham. Die European Space Agency ESA bereitet Astronauten auf die Arbeit in der Raumstation vor – so wie Luca Parmitano, der im Juli 2019 ins All starten wird. Über VR übt er bereits am Boden das Bedienen der Roboter für die Experimente im All.

Vorbereitung auf die Arbeit in der Internationalen Raumstation ISS

Die Deutsche Bahn trainiert ihre Mitarbeiter mittels VR im Umgang mit dem ICE 4, und kann hier Schulungssituationen erzeugen, die in realen Zügen und in Fahrsimulatoren nicht möglich wären.

Forscher der Universität Maryland haben in einer Studie herausgefunden, dass Menschen Informationen mit der VR-Brille eindrücklicher wahrnehmen und über die räumliche Erfahrung durchschnittlich um neun Prozent besser im Gedächtnis abspeichern als am herkömmlichen zweidimensionalen Monitor.

Lernformate mit AR und VR haben das Potenzial, die Lernenden mit Spaß und ohne Gefahr zu motivieren. Doch auch wenn die Faktoren Kosten und Sicherheit schon überzeugen, so ganz ohne Risiko ist der Einsatz vor allem von VR nicht. Menschen sind sozial und lernen am besten von und mit anderen Menschen. Lernende mit der VR-Brille allein zu lassen, kann ein kontraproduktives Gefühl der Isolation hervorrufen. Wenn jedoch andere Lernende in die gleiche Umgebung kommen, ähnlich dem Multiplayer-Modus bei Videospielen, dann wird gleichzeitig noch der Teamgeist gefördert. Sogenannte Gamification schafft den spielerischen Anreiz, auch im Lernen das nächste Level erreichen zu wollen.

Personalisiertes und schnelleres Lernen dank Künstlicher Intelligenz (KI)

Im Idealfall liegt das ganze Wissen eines Unternehmens bereits in einer Wissensdatenbank gespeichert vor und alle unternehmenseigenen Lerninhalte sind hier zu finden. Die große Kunst liegt darin, die passenden Lerninhalte und Informationen zu bereitzustellen und aus den bisherigen Such- und Lernvorgängen zu lernen, um daraus weitere Schritte abzuleiten. Dabei kann Künstliche Intelligenz behilflich sein. Außerdem kann sie auch auf externe Lernangebote wie zum Beispiel auf Massive Open Online Courses (MOOCs) zugreifen. Je mehr der Lernende mit dem System interagiert, umso besser lernt die KI sein persönliches Verhalten sowie seine Vorlieben und Bedarfe kennen und stellt sich darauf ein. Wir kennen das bereits aus unserem täglichen Leben beim Onlineshopping oder beim Streamen von Musik und Film: Passend zu unserem bisherigen Konsum sucht uns der Anbieter weitere Vorschläge aus. Im Corporate Learning entwickelt die KI aus dem bisherigen Lernverhalten ein maßgeschneidertes Lernprofil, das den Lernenden individuell unterstützt. Der Lernende erhält aufbauend auf seine Lernhistorie die weiteren Inhalte in den bevorzugten Formaten. Die KI kann Voraussagen treffen, welche Inhalte für die Weiterentwicklung empfohlen werden.

Neben der Personalisierung gibt es einen weiteren entscheidenden Vorteil, den die KI liefert: das Erfassen und Indizieren von Wissen und Lerninhalten. Dokumente, Berichte, Videos und andere Formate werden nicht mehr nur per Hand nach Themen und Inhalten sortiert. Selbst aus gesprochenen Texten können mit Natural Language Processing die Inhalte als Daten erfasst werden. Die KI kann gezielt zu Suchanfragen Informationen liefern und nicht nur auf ein verschlagwortetes Dokument oder Video verweisen, sondern hier exakt die betreffenden Stellen nennen. Das erspart in der Suche jede Menge Zeit, wenn beispielsweise in einem einstündigen Video die gewünschte Information exakt an Minute 48 abgerufen werden kann.

Personal Trainer per Chatbot

Eine Möglichkeit für den Lernenden, mit der Künstlichen Intelligenz zu interagieren, ist der Chatbot. Er ist die Schnittstelle zwischen dem Lernenden und der Technologie, die die Wissensdatenbank abgreift. Die bislang üblicheren, „einfacher gestrickten“ Chatbots sind aufgabenorientiert und reagieren auf bestimmte Anfragen mit automatisierten Antworten und Lösungsvorschlägen. Mit Machine Learning werden diese Chatbots jedoch intelligenter und können aus der bisherigen Interaktionshistorie lernen und vorausschauend individuell mit dem Lernenden agieren. Dann kann der Chatbot sogar als persönlicher Lernassistent oder motivierender Personal Trainer auftreten.

Chatbot „ValBo“ von Valamis

Auch außerhalb der geplanten Weiterbildungs- oder Schulungsmaßnahme kann der Chatbot jederzeit für die Suche nach Information zur Verfügung stehen, etwa bei einer spontanen Frage zu einer Anwendung. Technologien zur Spracherkennung, wie zum Beispiel IBM Watson, machen die Interaktionen mit dem Chatbot noch persönlicher und weniger automatisiert. Der Chatbot ist ein hilfreiches Instrument dafür, das Lernen intuitiv in den Arbeitsalltag zu integrieren, denn er präsentiert die optimalen Lerninhalte im richtigen Moment.

Learning Analytics

Die Daten aus den Lernhistorien lassen sich zu wertvollen Analysen nicht nur für die Lernenden selbst auswerten. Sie geben den Trainingsverantwortlichen Hinweise darauf, wie gut die strategische Planung war und wie weitere Qualifizierungsinitiativen aufgebaut sein sollen. Sie machen die Lernerfolge der Mitarbeiter messbar: Wenn die Stärken und Potenziale der Mitarbeiter über die Datenauswertungen identifiziert werden, können diese besser für die Erreichung der Geschäftsziele eingesetzt werden – unter Beachtung des Datenschutzes, versteht sich.

tl;dr

Lernen sollte sich im Arbeitsalltag möglichst mühelos und intuitiv einfügen – und vor allem Spaß bringen. Personalisierte und an die Vorlieben des Lernenden angepasste Lernpfade sind mit Künstlicher Intelligenz und Machine Learning möglich und werden mit einem Chatbot sogar um einen eigenen Ansprechpartner ergänzt. Augmented und Virtual Reality bereichern die reale Umgebung, schaffen sichere und kostengünstige Lernsituationen und können mit Gamification-Elementen motivieren. Aus den Lernhistorien erhobene Datenanalysen verbessern die zukünftige Trainingsplanung.


Über die Autorin: Anita Haak ist Junior Campaign Executive bei der Kommunikationsagentur Oseon. Dort betreut sie Kunden in den Bereichen eLearning, HR und Fintech. Sie erreichen sie per Twitter unter @Anita_Haak und per Mail unter anita@oseon.com.