Newsletter

Virologen im Kanzleramt: Der Mediensalon diskutiert das Verhältnis von „Medien, Virologen und Aluhüten“

Anja Pasquay, Tina Groll, Rasmus Buchsteiner und Kaja Klapsa (v.l.n.r) – zugeschaltet ist Katharina Schüller (Foto: © Christian von Polentz für meko factory)

Nachdem beim letzten Mediensalon die Rolle der Medien in der Pandemie diskutiert wurde, näherten sich die Macher Corona nun aus einer anderen Perspektive. Unter der Überschrift „Medien, Virologen und Aluhüte“ luden am 17. Juni der Deutsche Journalistenverband DJV Berlin und die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union ein auf die Pioneer One. Auf dem Podium diskutierte die Moderatorin Tina Groll von Zeit Online zusammen mit Anja Pasquay, Pressesprecherin Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger BDZV e.V., Rasmus Buchsteiner, Chefkorrespondent auf der Pioneer One, der Geschäftsführerin von Stat-up Statistical Consulting & Data Science, Katharina Schüller, Kaja Klapsa von der Welt und Prof. Sylvia Thun, die an der Charité lehrt und mit Christian Drosten gemeinsam forscht. Eine Live-Übertragung des Streams scheiterte dieses Mal leider, doch die Macher reagierten schnell und stellten die Veranstaltung zur Nachbetrachtung direkt im Anschluss zur Verfügung.

Groll konfrontierte ihre Journalisten-Kollegen gleich zu Beginn mit Rezos neustem Rundumschlag, der „Zerstörung der Presse“. Sowohl Buchsteiner als auch Klapsa fanden den Ansatz des YouTubers durchaus legitim. Gerade Klapsa war mit der Umsetzung jedoch sehr unzufrieden. Sie bemängelte, dass Rezo nicht zwischen einfachen Fehlern und bewussten Fake News unterscheide. Auch seine Studie über angeblich falsche Berichterstattung über ihn bezeichnete sie als fehlerhaft. Sie warf ihm vor falsche Behauptungen und Meinungsäußerungen gleichzusetzen. Dass die Medien nicht alles richtig gemacht haben, wollte auch Buchsteiner nicht leugnen. Einen Kardinalfehler nannte er es, dass gerade in der Anfangszeit Journalisten so getan hätten, als säßen die Virologen direkt im Kanzleramt. „Dieses Maß der Vereinnahmung hat auch der Wissenschaft nicht gutgetan.“ Wobei zumindest die Wissenschaftlerin in der Runde dem ein Stückweit widersprach. Sie lobte die Pressearbeit der letzten Wochen. Sie sei stets „korrekt, aktuell und umfassend gewesen“. Für sie auch ein Grund, warum Deutschland vergleichsweise glimpflich aus der Krise kam. Problematischer als Rezo sind ohnehin Verschwörungstheoretiker. Schüller konnte aus eigener Anschauung berichte, wie es ist, für Artikel unter der Gürtellinie angegriffen zu werden. Ob es für eine bessere Überzeugungsarbeit mehr Daten bräuchte, wollte sie so nicht sagen. Denn mehr Daten lieferten nicht mehr wissen. Auch komme es auf die Aufbereitung der Daten an. Denn hier lägen Fallstricke in der Visualisierung und dem damit verbundenen Framing.

Mit Pasquay lieferte sich Groll einen kleinen Schlagabtausch, als es um die Zukunft der Arbeit für Journalisten ging. Die Zeit-Journalistin tat sich sichtlich schwer damit zu verstehen, warum so viele Redaktionen auf Kurzarbeit umstiegen, obwohl die Arbeit nicht weniger geworden ist. Die derzeitige Arbeitsweise bezeichnete sie als „Rumpf-Journalismus“. Ein Vorwurf gegen den sich Pasquay verwehrte. Im Gegenteil empfand sie es als sehr positiv, wie schnell Zeitungen reagierten. An der Kurzarbeit seien die fehlenden Einnahmen der Verlage schuld. So seien die Werbeeinnahmen eingebrochen und Veranstaltungen abgesagt worden. „Wenn das Geld fehlt, fehlt es.“ Auch Klapsa wollte nicht von Rumpf-Journalismus sprechen. In ihrem Haus werden zwar nicht mehr alle Termine und Themen abgedeckt. Dafür würden aber gezielt Schwerpunkte gesetzt. Dadurch gibt es zwar weniger News, aber dafür mehr Hintergründiges. Für Leser vielleicht ein Anreiz, sich nicht von Bezahlschranken abschrecken zu lassen.


Über den Autor: Maximilian Riegel ist Politikwissenschaftler. Er schreibt u.a. für meko factory – Agentur für Kommunikation GmbH.