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Unter der Käseglocke

Hin und wieder trifft man mich auf Branchenevents. Manchmal mit dem Ergebnis, beglückende neue Erkenntnisse gewonnen zu haben. Und manchmal mit dem resümierenden Schwur, dass das nun wirklich das letzte Mal war. Am 1. April war es wieder soweit bei der Diskussionsrunde des Bundesverbandes deutscher Pressesprecher unter dem Titel „Kommunikation im Schatten der großen Koalition“. Ich war neugierig, weil ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, dass Koalitionen Schatten werfen.

Eine illustre Runde hatte sich in der Hessischen Landesvertretung versammelt. Auf dem Podium: Melanie Amann, Redakteurin im Spiegel-Hauptstadtbüro, Georg Streiter, stellvertretender Regierungssprecher, Ulrich Scharlack, Pressesprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Andreas Kappler, Pressesprecher der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen und Axel Wallrabenstein, Kommunikationsexperte und Chairman der MSL Group Germany. Moderiert wurde die Runde von der Journalistin Ursula Weidenfeld.

Diskutiert wurde vor geschichtsträchtiger Kulisse: Hinter dem Podium konnte man in der verlängerten Sichtachse direkt auf den Reichstag mit seiner Glaskuppel blicken. Gerade so, als ob der Architekt Sir Norman Foster den Abend vorweggenommen hätte: Die Kuppel als Käseglocke, unter der Politik und Journalismus ihre Spielchen spielen, ohne dass der Bürger auch nur für einige Sekunden in das Bewusstsein der Akteure dringt.

Der Dialog unter den beteiligten Fraktionssprechern, Redakteuren und Kommunikationsexperten entwickelte sich ungefähr so: Die Journalisten beschweren sich, dass die große Koalition jetzt wirklich das realisiere, was im Wahlprogramm beider Parteien stand. Noch unfairer finden die Journalisten es, dass das Ganze ohne öffentlichen Streit und publikumswirksame Skandale vor sich ginge. „Wo bleibt denn da die Quote?“ jammerte es hinter den Aussagen der Journalisten hervor. Demgegenüber die Politiker, die sich teilweise mit sich selbst beschäftigten und die Vorzüge ihrer Parteien lobten, teilweise den Journalisten erklären wollten, dass es nicht ihre Aufgabe sei, für Skandale zu sorgen, sondern das umzusetzen, wofür sie gewählt wurden.

Gegen Ende der Diskussion erhob sich mutig ein Zuhörer und fragte das Podium, was sie denn gegen das schwindende Vertrauen in Politik und Medien unternehmen wollten. Nach einer kurzen betroffenen Stille gab es große Einigkeit auf dem Podium: Das wäre die klare Aufgabe der jeweils anderen Seite, so das Fazit. Meine Erkenntnis: Politik und Journalismus leben in einer Symbiose, die beide Seiten oft daran hindert, ihren eigentlichen Aufgaben nachzugehen. Ein Eigenleben unter der Käseglocke quasi.

Über den Autor: Uwe Mommert ist Vorstand für Vertrieb und Produktion der Landau Media AG. Darüber hinaus ist er begeisterter Web 2.0-Fan und immer an innovativen Ideen interessiert. Für medienrot.de kommentiert Uwe Mommert regelmäßig das Mediengeschehen.