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Recherchescout – PR auf Anfrage

Die journalistische Recherche nimmt viel Zeit in Anspruch. Das weiß Kai Oppel, der vor fünf Jahren noch selbst als Journalist u.a. für die Financal Times Deutschland tätig war, aus eigener Erfahrung. Gemeinsam mit PR-Berater Martin Fiedler entwickelte er die Idee zu „Recherchescout“. Das im letzten Jahr gelaunchte Portal soll JournalistInnen gezielt mit Presseabteilungen von Unternehmen, Verbänden und Vereinen in Kontakt bringen. Zusammen mit der Hamburger Agentur Melting Elements setzten sie ihre Idee in die Tat um und gründeten die Recherchescout GmbH.

Für medienrot erklärt Recherchescout-Gründer Kai Oppel das Prinzip.

Herr Oppel, bitte beschreiben Sie das Produkt „Recherchescout“ in drei Sätzen!
Kai Oppel: Recherchescout ist eine Online-Plattform, die Journalisten die Möglichkeit bietet, Fragen zu stellen und Antworten von Experten für das jeweilige Thema zu erhalten. Für Unternehmen und Verbände bietet das Portal die Möglichkeit, von Journalistenanfragen zu ihren Themen zu erfahren und darauf zu reagieren. Damit erweitert der Recherchescout die Recherchemöglichkeiten für Journalisten und die Handlungsmöglichkeiten von Kommunikationsverantwortlichen in der Medienarbeit.

Was unterscheidet Recherchescout von anderen Presseportalen?
Kai Oppel: Wir sind weder eine riesige Datenbank noch ein Aussendedienst. Recherchescout ist eine Vermittlungsplattform für Kontakte und Informationen. Wir glauben, dass es genügend Plattformen gibt, die zum Wachstum der Informationsflut beitragen. Daran möchten wir uns nicht beteiligen, sondern Journalisten dabei unterstützen, neue relevante Informationen für ihre Recherchen zu finden.

Wie kam die Idee zu Recherchescout zustande?
Kai Oppel: Ich selbst war als Journalist intensiver Nutzer des idw-Expertenmaklers – und traf dabei immer wieder auf Martin Fiedler, der das Tool intensiv zur medialen Positionierung der MBS-Experten nutzte. Nach dem dritten oder vierten professionellen Kontakt innerhalb weniger Monate verabredeten wir uns auf ein Bier. Dabei beschrieb ich das (v.a. für Wirtschaftsjournalisten relevante) Problem, dass ich über den idw-Expertenmakler ausschließlich Wissenschaftler, aber äußerst selten Vertreter der Wirtschaft erreichen würde. Klar war: Es gibt zu jedem Thema viele potenzielle Informationslieferanten in der Wirtschaft – die wussten aber nie, dass ich zu dem Thema überhaupt recherchierte. Beim Bier im Münchner Hirschgarten entstand die Idee, das Expertenmakler-Prinzip für die Wirtschaftskommunikation nutzbar zu machen. Unternehmerisch verfolgten wir beide die Idee zunächst nicht konsequent: Viele andere Baustellen und die Erwartung, ein etablierter PR-Dienstleister würde das machen. Nachdem es bis 2012 niemand umgesetzt hatte, entstand der Vorsatz: Zum Kommunikationskongress 2013 präsentieren wir so etwas und schauen, was passiert.

Welche Kosten fallen bei der Nutzung für wen an?
Kai Oppel: Für Journalisten ist der Dienst kostenlos. Die monatlichen Kosten für Experten beziehungsweise PR-Kommunikatoren liegen bei knapp 150 Euro. Dafür erhalten sie per E-Mail sämtliche Rechercheanfragen zu von ihnen festgelegten Schlagworten. Öffentliche, gemeinnützige und Bildungs-Einrichtungen zahlen die Hälfte – Mehrfachnutzer wie Agenturen die doppelte Gebühr. Komplizierter wollen wir’s nicht machen.

Wer profitiert von Recherchescout?
Kai Oppel: Journalisten profitieren mehrfach: Sie erhalten eine zusätzliche Recherche-Option sowie die Chance, Informationen und Gesprächspartner zu finden, die noch nicht in journalistischen Medien oder im Web präsent waren. Der Recherchescout ist für Journalisten auch ein Instrument zum Management der Informationsflut: Nicht alle Meldungen, die ein Journalist wegwirft, sind ja uninteressant – viele kommen einfach zu einem Zeitpunkt, zu dem der Journalist keinen Bedarf daran hat. Und nicht alle kann man für eine potenzielle spätere Verwendung ablegen.
Genau von dieser Tatsache profitieren die Nutzer auf Seiten von Unternehmen, Verbänden und Agenturen: Sie können mit dem Recherchescout ganz genau dann auf Journalistenanfragen reagieren, wenn die Redakteure den Informationsbedarf haben. Das kann eine wirksame Ergänzung, in einigen Fällen sogar eine Alternative zur Aussendung sein – und sich unter Umständen schon beim ersten Matching gelohnt haben.

Warum „dürfen“ JournalistInnen vorab nicht wissen, welche Unternehmen sich beteiligen?
Kai Oppel: Für Unternehmen, die sich zeigen und Inhalte anbieten wollen, gibt es genügend Portale. Wir wollen bewusst kein Suchportal sein, sondern uns auf Frage und Reaktion beschränken. Deshalb darf sich jeder dann zeigen, wenn er das will. Dabei bleiben Fragen von Journalisten gegenüber anderen Journalisten in jedem Fall verborgen. Und für Experten gibt es keine Pflicht zu antworten.

Sehen die JournalistInnen, von wem Sie eine Antwort erhalten?
Kai Oppel: Selbstverständlich. Journalisten müssen ja die Antwort einordnen und den Interessenhintergrund bewerten können. Und für die PR-Seite besteht ja ein wichtiger potenzieller Wert darin, nach dem Kontakt auch im Beitrag genannt zu werden. Eine Verpflichtung des Journalisten zur Verwendung der Informationen oder zur Nennung des Informationsgebers gibt es aber nicht. Hier sollen allein die professionellen Grundsätze beider beteiligter Seiten wirken.

Wurden bisher Anfragen gestellt oder kamen Themenwünsche seitens der JournalistInnen auf, die nicht beantwortet werden konnten?
Kai Oppel: Ja, aber einen genauen Überblick haben wir nicht. Grundsätzlich ist Recherchescout als Blackbox konzipiert, und das können wir auch nicht ändern. Wir könnten zwar theoretisch tracken, welche Anfragen wie viele Empfänger generieren – aber ob und auf welchem Weg sich die Empfänger der Anfrage dann mit den Journalisten in Verbindung setzen, entzieht sich unserer Kenntnis, nachdem die Kontaktaufnahme außerhalb unserer Plattform (über Telefon oder Mail) erfolgt.
Allerdings haben wir für die Betaphase ein „Warnsystem“ eingerichtet, das uns informiert, wenn Journalisten im Zuge ihrer Fragen Schlagworte eingeben, die noch kein Unternehmen hinterlegt hat. Als Indikator haben wir außerdem das Feedback unserer Nutzer, das uns darauf schließen lässt, dass ca. 70 Prozent der Anfragen beantwortet werden. Dieser Wert wird mit der zunehmenden Zahl der zahlungspflichtigen Nutzer vermutlich steigen.

Welche Pläne hinsichtlich Recherchescout gibt es für die Zukunft?
Kai Oppel: Recherchescout soll sich in den nächsten Jahren als festes Kommunikationsinstrument in der Medienarbeit etablieren – wie heute Clipping-Services oder Aussendedienste. Wachstumschancen resultieren aus unserer Sicht z.B. aus dem hohen Materialbedarf, den digitale Publishing-Plattformen in der Zukunft haben werden. Die Redakteure werden immer auch an neuem und exklusivem Content interessiert sein, der nicht bereits zuvor im Web präsent war.

Vielen Dank für die spannenden Einblick, Herr Oppel!

Zum Schluss noch ein paar Fakten! Das ist Recherchescout in Zahlen:
– Aktuell sind knapp 500 JournalistInnen angemeldet.
– Die Zahl der sich beteiligenden Unternehmen liegt derzeit im mittleren zweistelligen Bereich.
– Pro Monat werden ca. 50 Anfragen gestellt.

Fazit: Ausprobieren lohnt sich sicherlich – und kostet nichts. Zumindest nicht für JournalistInnen.

Über den Interviewgast:

Kai Oppel, RecherchescoutKai Oppel hat über mehrere Jahre hinweg für Medien wie dpa, Bild oder die FTD gearbeitet sowie mehrere Bücher verfasst – darunter zum Thema PR. Heute ist er Mitinhaber der Agentur scrivoPublicRelations in München.


Über die Autorin:

Nicole Storch ist freiberufliche Autorin für Print und Online. Zuvor betreute sie als Redakteurin beim Egmont Ehapa Verlag zahlreiche Kinder- und Jugendzeitschriften. Während ihres Studiums der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der UdK Berlin arbeitete sie bereits als freie Texterin für verschiedene Agenturen.