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#NetzFragtMerkel – eine digitale Presseschau

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Foto: Screenshot aus dem Video „Das Interview mit Angela Merkel – #NetzFragtMerkel“

Sieg nach Punkten für Bundeskanzlerin Merkel. So lautet das mehrheitliche Urteil zum Interview von YouTuber Florian Mundt alias LeFloid mit Angela Merkel. Knapp zwei Millionen mal wurde das Videointerview bisher angeschaut, erntete 157.561 Likes und 6.533 Dislikes bei YouTube (Stand: 15.07.2015, 10:30 Uhr).

Mehrheitlich gehen die JournalistInnen kritisch mit dem 27-jährigen YouTuber ins Gericht. So heißt es bei faz.net „Unter journalistischen Gesichtspunkten war diese Fragestunde ein Desaster.“ Es reiche schon die „Unkenntnis journalistischer Standards, um die schönsten PR-Geschichten zu publizieren.“ Auf stern.de attestiert Sophie Albers Ben Chamo: „Allerdings kam bei diesem Ausflug ins ‚Neuland‘ nicht die Kanzlerin ins Schwitzen, sondern der Video-Blogger. Er hatte keine Chance. Und das von Anfang an.“ Ein ungleiches Match sei dieses Interview gewesen. Auf netzpolitik.org heißt es, der kritische Frager habe gefehlt und „[i]m Endeffekt haben sich beide gegenseitig instrumentalisiert“.

Welt-Chefkommentator Torsten Krauel räumt immerhin ein, LeFloid, „[d]er Video- und Computerspiel-Aktivist ist ein versierter Mediengestalter.“ Er lobt die Unbefangenheit des YouTubers, die aber an der Kanzlerin abperlt. Auch den inflationären Gebrauch des Wortes „absolut“ seitens LeFloid nimmt Krauel auf: Die rhetorische Frage „Gab es im Interview eine Neuigkeit?“ beantwortet er mit „Absolut nicht.“

„Zeit Online“-Redakteur Felix Stephan formuliert: „Ihr erstes YouTube-Interview hätte die Kanzlerin auch dem Kinderkanal geben können.“ In seinem Artikel, überschrieben mit „Klassenfahrt ins Kanzleramt“, kommt er zu dem Schluss, dass dieses Interview beiden, sowohl LeFloid als auch der Bundeskanzlerin, genutzt habe. „Beide haben sich gegenseitig einem Publikum zugeführt, das den jeweils anderen vor diesem Gespräch höchstens vom Hörensagen kannte“ – man habe sich „Communitys zugeschoben“.

Auch im Handelsblatt heißt es, beide Seiten können von dem Interview profitieren: „LeFloid wegen des Medienhypes und die Kanzlerin, weil sie so dem jungen Publikum ein Stück näher gekommen ist.“ Außerdem zeige des Interview, dass YouTuber inzwischen ein „ernst zu nehmender Bestandteil der Medienszene sind“, attestiert Autorin Anja Stehle.

Ingo Rentz extrahiert für horizont.net drei wesentliche Erkenntnisse aus dem Interview: „Merkel ist die Gewinnerin“, „Um mit einem Kaliber wie Merkel fertig zu werden, braucht es Profis“ und „Deutschland braucht solche Formate“.

Doch es gibt auch andere Stimmen. Stimmen, die vor allem den gut funktionierenden Kommunikationsstab der Kanzlerin in den Vordergrund stellen und nicht die journalistische Unerfahrenheit von Florian Mundt.

So hält Richard Gutjahr fest, LeFloid habe schon früh die Möglichkeiten des Social Web erkannt und sich ein Millionenpublikum erarbeitet. Davor ziehe er den Hut. Aber: LeFloid sei eben auch kein Journalist, sondern „ein braver Stichwortgeber“ und das Interview deswegen eben ein Heimspiel für die Kanzlerin.

In seiner Wired-Kolumne resümiert Johnny Haeusler, „[d]er Ärger, dem sich manche Stimmen in den sozialen Netzwerken nun Luft machen, sollte sich nicht auf LeFloid und seine Überbringung der Fragen beziehen. Sondern auf die Antworten von Angela Merkel.“ LeFloid habe gewusst, dass er sich auf eine PR-Aktion des Bundespresseamts eingelassen hatte. Weiterführende Gedanken dazu gibt es auf spreeblick.com zu lesen: Statt eines Dialoges sei das Interview lediglich ein Monolog der Kanzlerin gewesen; Social Media ein Ein-Weg-Kanal, um ihre Botschaften zu verkünden.

Warum dieses Interview genau in die Digital-Strategie von Team Merkel passt, damit sich hat sich auch Jens Stoewhase für medienrot.de auseinandergesetzt.

Zahlreiche Rückmeldungen – positive wie negative – gibt es auch in den Kommentaren unter dem YouTube-Video selbst. Dort wird unter anderem darauf hingewiesen, dass Kanzlerin Merkel von einer „ganzen Horde von proffessionellen Beratern und Coaches auf solche Interviews vorbereitet“ wird.

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An anderer Stelle heißt es: „Respekt Florian (hoffe ich darf dich so nennen), ich fand das Interview wurde einwandfrei von dir geführt. Höflich, respektvoll und vor allem waren es Fragen die vermutlich ganz Deutschland brennend interessieren.“

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Alles in allem hat das Videointerview jede Menge Berichterstattung nach sich gezogen, bei der die Bundeskanzlerin positiv wegkommt. Team Merkel hat sein Ziel also erreicht. Und auch LeFloid dürfte nun auch Menschen außerhalb seiner Kernzielgruppe ein Begriff sein.

Über die Autorin:

Nicole Storch ist freiberufliche Autorin für Print und Online. Zuvor betreute sie als Redakteurin beim Egmont Ehapa Verlag zahlreiche Kinder- und Jugendzeitschriften. Während ihres Studiums der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der UdK Berlin arbeitete sie bereits als freie Texterin für verschiedene Agenturen.

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