
Über 400 Expert:innen aus Cybersicherheit, IT-Sicherheit und Datenschutz raten Regierungen weltweit, die Einführung von Social-Media-Altersgrenzen und verpflichtenden Altersverifikationen nicht zu überstürzen. In einem offenen Brief fordern sie ein Moratorium für entsprechende Gesetzesvorhaben – solange zentrale Fragen zur Wirksamkeit und zu möglichen Schäden nicht geklärt sind.
Die Unterzeichnenden stammen aus 29 Ländern. Aus Deutschland beteiligen sich unter anderem Forschende vom Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit, vom Max-Planck-Institut für Sicherheit und Privatsphäre sowie vom Karlsruher Institut für Technologie. Auch Wissenschaftler:innen des Hasso-Plattner-Institut und der RWTH Aachen zählen zu den Unterstützenden.
Zwei Kernfragen ungeklärt
Aus Sicht der Fachleute sind zwei Fragen bislang unbeantwortet: Wirken Alterskontrollen überhaupt im Sinne des Jugendschutzes? Und welche Nebenwirkungen haben sie für IT-Sicherheit, Datenschutz und gesellschaftliche Teilhabe?
Einen globalen „Zugangskontrollmechanismus“ einzuführen, ohne die Folgen für Gleichberechtigung, Entscheidungsfreiheit und Autonomie vollständig zu verstehen, sei „gefährlich und gesellschaftlich inakzeptabel“, heißt es in dem Schreiben. In der öffentlichen Debatte werde zwar häufig angenommen, dass altersbasierte Zugangskontrollen die Sicherheit Minderjähriger erheblich erhöhten. Eine systematische Auseinandersetzung mit möglichen Schäden – auch für Erwachsene – finde jedoch kaum statt.
Altersgrenzen auch für Erwachsene?
Die Diskussion gehe zudem am Kern vorbei, argumentieren die Forschenden. Es gehe nicht nur um den Schutz von Kindern vor problematischen Inhalten. Umgekehrt werde auch erwogen, Erwachsene von kinderspezifischen Angeboten oder digitalen Räumen fernzuhalten – etwa von Spieleplattformen wie Roblox. Die Idee „kinderspezifischer Dienste als sichere Räume“ sei mit heutiger Technologie kaum zuverlässig umzusetzen.
Zudem sei der Aufbau einer weltweiten, sicheren Altersinfrastruktur technisch äußerst komplex und langwierig. Die europäische digitale Identitätslösung, die sogenannte EUDI-Wallet, bleibe etwa auf Europa beschränkt und könne keine globale Lösung darstellen.
Biometrische Risiken und Datenlecks
Besonders kritisch sehen die Unterzeichnenden Verfahren zur Altersschätzung, wie sie Plattformen teilweise bereits einsetzen. Dienste wie Discord, Roblox oder OpenAI (mit seinem Dienst ChatGPT) greifen dabei teils auf biometrische Merkmale, Verhaltensdaten oder Sprachmuster zurück. Solche Methoden seien „stark datenschutzverletzend“, da sie sensible Informationen analysierten und speicherten.
Hinzu komme die Gefahr der Zentralisierung: Wenn der Zugang zum Internet oder zu großen Plattformen an verpflichtende Altersnachweise geknüpft werde, entstehe eine Infrastruktur, die sich auch für umfassende Sperren oder Zensur nutzen lasse. Beispiele staatlicher Internetsperren – etwa im Iran – zeigten, wie schnell technische Kontrollmechanismen politisch instrumentalisiert werden könnten.
Auch praktische Risiken seien real: Nach Einführung von Alterskontrollen musste Discord ein Datenleck einräumen, bei dem zehntausende Ausweisdaten kompromittiert worden sein sollen.
Australien als Testfall
Dort, wo altersbasierte Kontrollen bereits eingeführt wurden – etwa in Australien – fordern die Forschenden eine systematische, unabhängige Evaluation der Vor- und Nachteile. Politische Entscheidungen dürften nicht auf Annahmen beruhen, sondern müssten empirisch abgesichert werden.
Regulierung statt Verbote
Statt „umgehbarer Zugriffskontrollen“ plädieren die Expert:innen für eine strengere Regulierung der Plattformen selbst. Problematische, suchtfördernde Designmechanismen und algorithmisch optimierte Feeds sollten stärker in den Fokus rücken. Eine solche Regulierung könne Dienste für Kinder und Erwachsene gleichermaßen sicherer machen ohne flächendeckende Identitätsprüfungen einzuführen.
Die Debatte um Social-Media-Verbote und Altersverifikation gewinnt damit weiter an Schärfe. Während viele Regierungen entschlossen handeln wollen, mahnt die IT-Sicherheitscommunity: Beim Umbau der digitalen Infrastruktur sei Besonnenheit wichtiger als Geschwindigkeit.