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Die Zukunft des Reisens muss grüner sein

Foto: © Fotolia/anuskiserrano

Reisen bereichert Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft und vor allem uns selbst. Tourismus richtet aber auch Schaden an, etwa durch Overtourism oder Umweltverschmutzung. Immer mehr junge Travel Techs, Unternehmen, die smarte technologische Lösungen für die Tourismusbranche entwickeln, wollen das ändern – tun sich aber noch schwer, sich gegen alteingesessene Player durchzusetzen. Es wird Zeit für Kommunikatoren, solche Vordenker zu unterstützen und zum Reisekulturwandel aufzurufen.

Müllberge entlang der Coca-Cola-Route auf den Kilimandscharo, dicke Kreuzfahrt-Luft auf hoher See, von sorglosen Tauchern überstrapazierte Riffs – Menschen, die reisen, hinterlassen Spuren, und zwar oft keine guten. Dabei ist Reisen per se natürlich nichts Schlechtes, im Gegenteil. Viele Länder und Städte leben vom Tourismus. Reisende kurbeln die Wirtschaft an, bringen Geld ins Land, buchen Unterkünfte, besuchen Museen und essen in lokalen Restaurants. Reisen ist völkerverbindend, wir lernen die Welt kennen. Und was wir kennen, ist uns weniger egal, liegt uns eher am Herzen. Das Reisen ist in der Regel so positiv besetzt, dass Kommunikatoren leichtes Spiel haben, wenn es darum geht, Fernweh zu schüren, Buchungen anzukurbeln und Destinationen zu promoten.

Buchungsportale erleichtern rücksichtslose Schnäppchenjagd

Doch immer mehr setzt sich unter Touristen eine rücksichtslose Billig-Kultur durch. Reisende jagen den besten Angeboten hinterher, wollen das günstigste Hotel, den billigsten Flug – und selbstverständlich die Option, mehrere Hotels gleichzeitig zu buchen und kurzfristig zu stornieren. Einfach, bequem und spontan muss es sein. Von Rücksicht auf Mensch und Umwelt keine Spur.

Besonders einfach haben es Schnäppchenjäger auf Online-Buchungsportalen, sogenannte OTAs wie Booking.com, Expedia und HRS. Sonderangebote locken, ökologische Aspekte spielen in Bewertungen keine Rolle, das schnelle, unreflektierte Buchen ist ein Leichtes. OTAs erfreuen sich großer Beliebtheit und haben die absolute Marktmacht. Laut einer vom Hotelverband Deutschland (IHA) beauftragten Studie hat allein Booking.com einen Marktanteil von über 50 Prozent. Tendenz steigend. Dazu kommen die Billig-Airlines: Nicht selten sind Flüge günstiger als eine Fahrt mit der Bahn, was die Folge hat, dass Menschen selbst kurze Strecken mit dem Flugzeug zurücklegen. Und wer kann schon widerstehen, wenn der Wochenendtrip nach New York dermaßen billig ist?

Unser Reiseverhalten wirkt sich enorm auf die Umwelt aus. Ein einziger Überseeflug deckt gleich eine ganze Jahresproduktion an CO2 (laut Stiftung Warentest 2018). Non-Profit-Organisationen wie Atmosfair.de machen den CO2-Verbrauch bewusst und bieten Reisenden an, einen Kompensationsausgleich zu zahlen, um die berechneten Emissionen an anderer Stelle in Klimaschutzprojekten einzusparen. Gute Idee oder moderner Ablasshandel? Auch erste Fluglinien üben sich in Sachen Umweltfreundlichkeit. Zwar bleibt das Problem des CO2-Ausstoßes vorerst bestehen, aber dem Müll wird endlich der Kampf angesagt: Vor kurzem hob das erste Flugzeug komplett ohne Einwegprodukte aus Plastik ab. Vorreiter in Sachen Less Waste ist die portugiesische Fluggesellschaft „Hi Fly“.

Travel Techs machen Booking, Expedia & Co. Konkurrenz

Der Verzicht auf Plastik und das Bewusstmachen des eigenen CO2-Beitrags sind erste begrüßenswerte Maßnahmen. Allerdings lösen diese noch lange nicht das Problem an sich. Vielmehr ist ein Umdenken in der Art und Weise nötig, wie wir Reisen planen und durchführen.

Erste Innovationen finden sich bei technologiegetriebenen Reise-Startups, sogenannte Travel Techs. In den letzten Jahren drangen immer mehr von ihnen auf den Markt. Einige haben die zentralen Probleme des Tourismus – Overtourism, unsoziales Verhalten und Umweltverschmutzung – erkannt und wollen sie bekämpfen. Etwa, indem sie Reisen fernab des Massentourismus anbieten. Dies ermöglicht das Startup Fineway, die mittels künstlicher Intelligenz personalisierte und individuelle Trips anbietet. Beim sozialen Reiseunternehmen Fairaway zum Beispiel gestalten Urlauber ihre Fernreise mit einem Experten vor Ort. Ziel ist es, dass auch lokale Gemeinschaften von einem gesunden Tourismus profitieren können. Und Naturtrip bietet individuelle Reisen mit Bus und Bahn an. So entstehen gegenläufige Trends zur Billig-Kultur: Individualreisen treffen auf Ökotourismus, Green Tourism macht Boden gut.

Green Tourism entwickelt sich zu einem neuen Trend

Nicht nur im Bereich Planung und Transport, auch bei Unterkünften spielt Nachhaltigkeit zunehmend eine Rolle. Über die Website von Viabono lassen sich umwelt- und klimaschonende Unterkünfte jeglicher Art buchen: vom Campingplatz über Bauernhof bis hin zu Schlössern und Gutshäusern. Auch bookitgreen listet nachhaltige Ferienunterkünfte in Europa. Die Plattform bewertet Hotels nach Kriterien der Nachhaltigkeit: Ökostrom, Nachhaltigkeit, Bio-Lebensmittel, Abfallvermeidung, Sauberkeit. Dies tut auch Treeday, die hierfür einen eigenen Nachhaltigkeitsindex auf einer Skala von eins bis zehn verwenden. Als umweltfreundliche Alternative zur Airbnb ist Ecobnb entstanden, eine Plattform, die Urlauber mit nachhaltig arbeitenden Anbietern einer Unterkunft zusammenbringt.

Aufmerksamkeitsboost für nachhaltige Unternehmen

Doch leider sind solche sinnvollen Alternativen zur herkömmlichen Reiseplanung dem Gros der Reisenden noch unbekannt. Die Marktzahlen der OTAs belegen das. Lasst uns daran etwas ändern, wenn wir dieses Jahr unsere Reise buchen! Machen wir uns schlau über nachhaltige Buchungsplattformen und Reiseanbieter. Und reden wir darüber! Kleinen Travel Techs fehlt nach wie vor die mediale Durchschlagskraft. Verschaffen wir ihnen einen Aufmerksamkeitsboost! Travel Tech ist gerade für Kommunikatoren ein spannendes Feld, bei dem es nicht nur darum geht, technologische Services und Produkte an die Reisenden zu bringen. Wer nachhaltig denkenden Travel Techs zu mehr Sichtbarkeit verhilft, kann tatsächlich was bewegen. Und das ist doch ein schöner Gedanke, statt mit Kommunikation „nur“ Absatz, Klicks und Leads zu fördern, die Welt tatsächlich mal ein kleines Stückchen besser machen zu können. Ich wünsche mir für 2019 auf jeden Fall ein innovatives Travel Tech als Kunden. Oder auch gerne zwei. Oder drei?


Über die Autorin: Eva Kütscher ist Campaign Manager bei der Kommunikationsagentur Oseon. Dort betreut sie Kunden in den Bereichen Travel Tech und SaaS. Sie erreichen sie per Twitter unter @evangel125 oder per Mail unter eva@oseon.com.