CORRECTIV verlässt ClaimReview

Das Recherchezentrum CORRECTIV zieht sich aus der internationalen Faktencheck-Infrastruktur ClaimReview zurück. Am Internationalen Faktencheck-Tag am 2. April 2026 gab die Organisation bekannt, künftig nicht mehr auf den US-amerikanisch geprägten technischen Standard zu setzen, der bislang weltweit die strukturierte Veröffentlichung von Faktenchecks ermöglicht hat.

Hintergrund ist ein grundlegender Umbau der Infrastruktur des Standards ClaimReview, der über Jahre hinweg als „gemeinsamer Code“ für Faktenchecks im Netz galt. Mit ihm konnten Medien ihre Prüfberichte so auszeichnen, dass Suchmaschinen wie die von Google automatisch erkennen, welche Behauptung geprüft wurde, wie das Ergebnis lautet und wo der vollständige Faktencheck zu finden ist.

Sinkende Sichtbarkeit in Suchmaschinen

CORRECTIV begründet den Ausstieg damit, dass zentrale Funktionen rund um ClaimReview zurückgefahren worden seien – ohne transparente Kommunikation und ohne ausreichende Einbindung der internationalen Faktencheck-Community. Insbesondere sei ein zuvor genutztes technisches „Snippet“ zur Einbindung in die Google-Suche nicht mehr unterstützt worden. In der Folge habe sich die Sichtbarkeit von Faktenchecks in Suchergebnissen deutlich verringert.

Die Organisation sieht darin ein strukturelles Problem: Faktenchecks seien stark von Plattformentscheidungen abhängig, obwohl sie journalistisch unabhängig erstellt würden. Änderungen in der technischen Darstellung könnten daher direkte Auswirkungen auf Reichweite und Wirkung haben.

Kritik an Plattformabhängigkeit

Publisher David Schraven kritisiert diese Entwicklung deutlich. Er betont, dass Faktenchecks nicht nur einzelne Behauptungen korrigierten, sondern Grundlage für die Analyse größerer Desinformationsmuster seien. Ohne diese Infrastruktur seien Gesellschaften „blind für Angriffe durch Desinformation“.

Zudem warnt Schraven vor einer indirekten Abhängigkeit von US-amerikanischen Technologieentscheidungen und betont die Notwendigkeit digitaler Unabhängigkeit für journalistische Infrastruktur.

Aufbau einer eigenen Faktencheck-Infrastruktur

Als Konsequenz entwickelt CORRECTIV mit dem „Faktenforum“ eine eigene technische Plattform, die unabhängig von großen Tech-Konzernen funktionieren soll. Dort wird der gesamte Faktencheck-Prozess in einer strukturierten Datenbank gebündelt – von der Sammlung möglicher Falschbehauptungen über deren Überprüfung bis zur Auswertung größerer Kampagnen.

Ziel ist es, nicht nur einzelne Aussagen zu prüfen, sondern auch systematisch zu analysieren, wie sich Desinformation verbreitet, welche Narrative dominieren und welche Akteure daran beteiligt sind. So sollen etwa koordinierte Kampagnen wie die sogenannte „Doppelgänger“-Operation besser erkennbar werden.

Mehr als ein Tool: Community und Bildung

Das Faktenforum versteht sich nicht nur als technische Infrastruktur, sondern auch als Plattform für Zusammenarbeit und Bildung. Nach Angaben der Organisation beteiligen sich bereits mehr als 2.500 registrierte Nutzerinnen und Nutzer an der Sammlung und Einordnung von Informationen. Ergänzt wird das Angebot durch Workshops und Programme zur Förderung von Medienkompetenz.

Der Ausstieg aus ClaimReview markiert damit mehr als eine technische Entscheidung. Er steht für eine strategische Neuausrichtung im internationalen Faktencheck-Ökosystem: weg von einer stark von Tech-Konzernen geprägten Infrastruktur hin zu eigenständigen, journalistisch kontrollierten Systemen.

Die Debatte berührt damit auch grundlegende Fragen der digitalen Öffentlichkeit – insbesondere, wie sichtbar Faktenchecks im Netz sind und wer über diese Sichtbarkeit entscheidet.

correctiv.org, meedia.com