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Clubhouse – The Return of the Audiosphere?

 

Na wie isset? Spüren Sie noch den Clubhouse-Effekt? Entweder diese Euphorie des „Ich bin dabei!“ oder auch dieses FOMO-Gefühl, nicht dabei zu sein? Sind wir ehrlich, solche Gefühle sind schnell vorbei. Mir geht es eher darum, was wir aus diesem Hype mitnehmen können. 

Nein, jetzt folgt nicht dieser hochjubelnde Text, was Clubhouse in sechs, zwölf oder achtzehn Monaten sein wird. Es ist ein Startup mit einem Software-Produkt, das schon morgen komplett anders aussehen kann. Denn kein Social Network sieht noch so aus, wie zu Beginn seines ersten Hypes gelauncht wurde. Software ist agil. Facebook gab es ohne Instagram- und WhatsApp-Anbindung. Twitter gab es mal nur mit 140 Zeichen und ohne Einbindung von Videos oder Livestreams. Es folgt auch kein Text darüber, wie man mit Clubhouse schnell Geld verdienen kann oder wie man da zum Deutschlands Größtem Influencer wird.

Ich möchte einfach ein wenig reflektieren, wie sich aktuell die Audiosphäre verändert bzw. in der jüngeren Vergangenheit bereits verändert hat. Denn ich finde es bemerkenswert, dass sich nach dem Erfolg des mp3-Formats nicht mehr so viele Themen im Bereich Audiocontent durchgesetzt haben, wie eben dieses Dateiformat – auf dem bis heute noch ein Großteil der weitere Innovationen beruhen. So wurde das Podcasting in den frühen 2000ern auch deshalb möglich, weil man das gesprochene Wort in eine mp3-Datei komprimieren, diese Datei dann mit einem RSS-Feed „verheiraten“ konnte und somit ein Distributionsprozess mit technisch überschaubarem Aufwand möglich wurde. Trotzdem hat es das Podcasting bis heute nicht so in den Mainstream geschafft, wie z.B. Youtube und damit Videocontent, der über unzählige Plattformen normal wurde – und eben auch über die schon oben genannten Social Networks.

Natürlich ist mir klar, wo ein Teil des Antriebs für Videocontent herkommt: Es ist schlichtweg die bessere Vermarktungsfähigkeit. Es gibt unzählige Werbeformate, die eine Gegenfinanzierung von Videocontent möglich machen. Und im visuellen Werbemarkt steckt schon immer mehr Geld als im Audiomarkt.

Womöglich auch deshalb läuft es in Sachen Audiocontent alles etwas ruhiger (sorry für das Wortspiel). Das Webradio dudelt bis heute in der Nische. Auch Apples aufgehübschtes Radioformat innerhalb seines iTunes-Angebotes ist zumindest im deutschsprachigen Raum bisher keine große Erfolgsmeldung wert gewesen. DAB und DAB+, das digitale terrestrische Radio, existiert zwar, die Verabschiedung von UKW wird jedoch weiter hinausgeschoben. Erst seit diesem Jahr sind Autohersteller verpflichtet, Neuwagen mit einem Zugang zum DAB+-Signal auszustatten. So soll der DAB+-Standard zwar gefördert werden, Druck gibt es jedoch keinen.

Doch weg vom Radio und vom Auto. Im Internet war es meines Erachtens Twitter, das schon vor längerer Zeit mit der Livestream-Option ein Audio-Only-Livestream bzw. eine Art Instant-Podcast möglich machte. Damit gab es ein einfaches Tool für ein rudimentäres Audiobroadcasting jenseits von Radiostudio und Rundfunkmedienanstalt. Genutzt wurde die Option allerdings nur im überschaubaren Rahmen, um nicht zu schreiben selten. Auch der Audio-Tweet hat sich bisher nicht durchgesetzt, obwohl technisch längst implementiert.

Was ich vor einigen Jahren erst gelesen und später auch erlebt habe: PodcasterInnen luden und laden ihre Folgen inzwischen auch bei Youtube mit einem Standbild als Video hoch. Es wurde festgestellt, dass viele junge Menschen am Nachmittag nicht das Radio anschalten, sondern Videoformate nebenher laufen ließen, die offenbar einen hohen Anteil gesprochenen Wortes enthielten. Einige Zeit später hörte ich dies tatsächlich als Tipp auf Konferenzen, PodcasterInnen könnten so für die Verbesserung ihrer Reichweite sorgen.

Inzwischen ist das Thema Podcasting allerdings deutlich gewachsen. Schon vor Corona gab es große Networks – speziell in den USA. In Deutschland schwappte mit dem Erfolg der US-Podcastserie „Serial“ das Podcastfieber bei MedienmacherInnen über. Das große Potenzial für Podcasts wurde anhand dieses Beispiels auch auf zahlreichen Konferenzen vorgetanzt. Anschließend hatte ich das Gefühl, es wäre plötzlich viel mehr Aufmerksamkeit da für das Thema. Somit ist Podcasting zumindest in der Wahrnehmung relevant. Die Pandemie und der Erfolg von Dr. Chrsitian Drosten hat sicherlich auch einen wichtigen Anteil daran. Auch in Deutschland entwickeln sich inzwischen Podcasting-Firmen. Große Medienhäuser stecken bereits ihre Claims ab: AudioNow, Fyeo, Audible, DLF- und ARD-Mediatheken-Apps. Audiocontent On-Demand etabliert sich so langsam und wird vielleicht doch noch Mainstream.

Mit Clubhouse kommt nun eine Option hinzu, die für MedienmacherInnen neu und gleichzeitig bekannt ist. Neu ist, dass man multidirektionale Audioformate ad hoc erstellen kann. Öffne die Clubhouse-App, setze einen Termin samt Thema und mach los. Neu ist auch, dass man in seinem Clubraum Sprechrecht vergeben kann. Nicht neu ist hingegen: Ich kann SprecherInnen einladen, das Programm kuratieren. Auch nicht neu ist, dass Inhalte in und durch ein Soziales Netzwerk entstehen. Und der Rückkanal zwischen Redaktion und Publikum ist offen – auch das kennen wir bereits.

Für die Zukunft wissen wir noch nicht, was aus Clubhouse wird. Aktuell hört und liest man von bevorstehenden ähnlichen Funktionen bei Twitter und Facebook. Auch gibt es schon erste Copy Cats, die sich auf die bisher vernachlässigte Android-Gemeinde fokussieren. Eines zeigt sich bei all dem für mich: Für Audio-Only-Inhalte gibt es eben doch einen Markt.

Das sympathische an Clubhouse sehe ich darin, dass nahezu jede Person mittelfristig in der Lage ist, mit einem Smartphone die eigene Talkshow zu entwickeln und auch live zu bringen. Es entsteht ein weiterer Mikrobraodcaster-Kosmos. Damit kommt sowohl das langsam aussterbende Talkradio zurück als auch das Thema BürgerInnen-Medien bekommt eine Option mehr. Klar, das werden dann nicht nur all die Leute nutzen, die man selbst super findet. Das ist auch bei den anderen sozialen Medien so gewesen.

Ein Bereich, in dem das Clubhouse-Phänomen vermutlich direkt Fuß fassen kann, ist meiner Beobachtung nach, die aktivistische Arbeit. Man kann sich in kleinen, mittleren oder großen Gruppen treffen und eine Audiotagung aufsetzen. Es ist die Ermächtigung der einzelnen Person, hier ein komplettes Setup einer teuren Konferenzhardware, wie Mikros, Mischpult und Soundanlage samt Saal in einem Smartphone ersetzt zu bekommen. Es braucht eben nicht mehr als das Smartphone, mit dem man nun die eigene Bürgerinitiative zu einer dezentralen Sitzung zusammenholen kann. Da kann Anne im Auto auf dem Heimweg von der Arbeit sich dazuschalten, aber auch der Klaus in der Schichtpause oder die Andrea, die nebenbei gerade ihr Abendbrot zubereitet. Und wandelt man aufmerksam durchs Clubhouse, dann erlebt man solche Treffen bereits. Ich selbst habe einen gewissen Fokus auf das Thema Mobilität. Da gibt es Onlinetreffen mit mehreren hundert TeilnehmerInnen, die sich sonst kaum so stark vernetzt haben. Denn gegenüber einer Videokonferenz-Software, die auch viel Hardware-Power benötigt und auch noch viel Knowhow bei der Nutzung verlangt, ist Clubhouse ein Kinderspiel für nahezu jede Person. Im Business würde man wohl sagen: Die Markteinstiegshürden in sind sehr niedrig oder kaum vorhanden.

Egal ob Clubhouse überlebt oder nicht. Die neue Form der Audiokonferenz-Funktion wird vermutlich weiterleben. Sei es im ersten Schritt durch Clubhouse selbst, durch seine Copy Cats oder durch die Integration der Funktion in andere Social Networks – Audio ist wieder ein Stück mehr zurückgekommen. Ich bin gespannt, wie sich zukünftig die Radiosender, die Politik aber auch die Medienanstalten dazu positionieren werden. In Deutschland wird es wohl schon bald wieder eine Regulierungsinitiative dazu geben. Es würde mich nicht wundern. Ungeachtet dessen ist Clubhouse schon jetzt ein Katalysator für Audiocontent.

Ganz grundsätzlich glaube ich jedoch, dass es wieder eine wunderbare Spielwiese für kreative Ideen sein wird. Ich denke da an Live-Hörspiele, Pubquiz, nachgespielte Talk-Formate mit Comedycharakter, Fachkonferenzen und Vorträge, Bücherrunden mit den BibliothekarInnen 2.0 und vieles mehr. Vieles davon könnten wir sicherlich für die nächste Pandemiephase brauchen.

 


jst-autorenbildÜber den Autor: Jens Stoewhase ist seit 2012 einer der beiden Geschäftsführer der Rabbit Publishing GmbH, die das Onlinejournal medienrot.de im Auftrag von Landau Media betreibt. Innerhalb von Rabbit Publishing verantwortet er die Contentproduktion für verschiedene B2B-KundInnen und ein Branchenportal in der Automobilindustrie. Bis Ende 2011 betreute er selbst u.a. die digitalen Aktivitäten zahlreicher kommerzieller Kinder- und Jugendmagazine und YPS. Stoewhase arbeitete vorher jahrelang für den Onlinebereich der TV-Serie „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“, als Freelancer im Musikbereich und entwickelte Konzepte für digitale Angebote im Entertainmentsegment.