
Ein 95-minütiger Actionfilm, produziert in zwei Wochen und für 500.000 US-Dollar: „Hell Grind“ ist weniger ein klassischer Film als ein ziemlich großes Schaufenster für die Möglichkeiten generativer KI. Das US-Start-up Higgsfield AI zeigt damit, was seine Technologie bereits kann – und wo sie noch an Grenzen stößt.
Vier verwaiste Skateboarder, ein Raubüberfall, Superkräfte, ein Dämon und eine Reise in die Unterwelt: Die Handlung von „Hell Grind“ ist, vorsichtig formuliert, nicht unbedingt der Hauptgrund, sich den Film anzusehen. Interessanter ist, was dahintersteckt.
Denn Higgsfield hat den Film nicht mit klassischem Filmteam und Schauspieler produziert. Rund 15 Menschen und 30 KI-Agenten waren nach Angaben von CEO Alex Mashrabov beteiligt. Das Drehbuch war größtenteils bereits vor Produktionsbeginn geschrieben. Für die Umsetzung kamen unter anderem das Videomodell Seedance von ByteDance und eigene Werkzeuge von Higgsfield zum Einsatz.
Das Ergebnis wurde im Mai beim Marché du Film in Cannes gezeigt. Dort feierte „Hell Grind“ seine Premiere – nicht im offiziellen Festivalprogramm, sondern auf dem Filmmarkt.
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Mehr InformationenWas die KI schon ziemlich gut kann
Wer den Film vor allem als Technologiedemonstration betrachtet, kommt durchaus auf seine Kosten. Variety-Journalist Corbin Bolies, der „Hell Grind“ bei einer Vorführung in New York gesehen hat, zeigte sich insbesondere von der visuellen Qualität überrascht.
Charaktere wirken über weite Strecken erstaunlich konsistent, Bewegungen sind flüssig, und gerade die Darstellung der Kinder sei teilweise verblüffend realistisch. Auch die Musik stammt größtenteils aus der KI-Produktion: Nach Angaben eines Higgsfield-Sprechers wurde bis auf einen Song die komplette Filmmusik generiert.
Ganz ohne klassische KI-Aussetzer kommt der Film allerdings nicht davon. Der Dämon bleibt weitgehend auf einen Gesichtsausdruck beschränkt, bei einem Headset tauchen plötzlich zwei Mikrofone auf und bei den Stimmen fehlt es teilweise an überzeugender Emotionalität. Auch die Handlung selbst dürfte nicht unbedingt als Beleg für die Ersetzung menschlicher Drehbuchautor dienen.
Mashrabov nennt gegenüber Variety denn auch eine konkrete Schwachstelle: professionelles Voice Acting habe bei diesem Projekt gefehlt.
Der Film ist nicht das eigentliche Produkt
Und genau hier wird „Hell Grind“ für die Kommunikationsbranche interessant. Denn Higgsfield geht es offenbar gar nicht darum, mit dem Film den nächsten Hollywood-Hit zu landen.
CEO Mashrabov sagt gegenüber Variety ausdrücklich, das Projekt solle vor allem die Leistungsfähigkeit der Technologie zeigen. Higgsfield wolle zunächst dort ansetzen, wo die eigenen Systeme besonders stark seien. Andere Genres wie Comedy oder Drama sollen in den kommenden sechs bis neun Monaten folgen.
Das ist eine durchaus klassische Kommunikationsidee – nur eben mit einem sehr neuen Werkzeug: Man erklärt das Produkt nicht. Man zeigt, was damit möglich ist. Statt einer Präsentation über KI-Videogenerierung gibt es also einen 95-minütigen Film. Statt einer Liste von Produktfeatures gibt es Skateboards, Dämonen und eine Unterwelt. Und statt zu erzählen, dass die Technologie Charaktere über längere Sequenzen hinweg konsistent darstellen kann, lässt Higgsfield die Zuschauer genau das selbst erleben. Für ein KI-Unternehmen ist das ziemlich effektiv.
Aufmerksamkeit trifft Produktmarketing
Dabei endet die Kommunikation nicht mit dem Abspann. Higgsfield investiert nach Angaben des CEO weiter in die eigene Plattform und in einen umfangreichen Ausbildungskurs, der Kreativen zeigen soll, wie sie mit den Werkzeugen des Unternehmens KI-Videos produzieren können.
Auch konkrete Anwendungsfälle nennt Mashrabov: Regisseur:innen könnten beispielsweise in der Postproduktion Szenen verändern, für die sonst ein teurer Nachdreh notwendig wäre. Ebenso sieht er Potenzial für die wiederkehrende Produktion von Werbung.
Damit wird aus dem Film ein ziemlich umfassendes Marketinginstrument. Er soll Aufmerksamkeit erzeugen, die Möglichkeiten der Technologie demonstrieren und gleichzeitig zeigen, warum Kreative die Plattform künftig selbst nutzen könnten. Das passt zu einer Entwicklung, die auch in der Kommunikationsbranche längst zu beobachten ist: KI wird nicht mehr nur als Werkzeug für einzelne Arbeitsschritte diskutiert. Sie wird zunehmend selbst zum Gegenstand und zum Vehikel von Kommunikation.
Und was bleibt vom Menschen?
Ganz verschwunden ist der Mensch bei „Hell Grind“ allerdings nicht. Im Gegenteil: Rund 15 Menschen waren laut Mashrabov beteiligt. Das Drehbuch wurde vor Produktionsbeginn weitgehend von Menschen entwickelt. Und gerade dort, wo es um Stimme, Emotion und erzählerische Qualität geht, zeigen sich noch deutliche Schwächen.
Das macht den Film vielleicht sogar interessanter als ein vermeintlich perfektes KI-Meisterwerk. Denn „Hell Grind“ zeigt ziemlich anschaulich, dass technische Machbarkeit und überzeugende Kommunikation zwei verschiedene Dinge sind.
Ein Bild kann realistisch aussehen. Eine Figur kann sich flüssig bewegen. Ein Film kann mit vergleichsweise wenig Geld und in erstaunlich kurzer Zeit entstehen. Ob eine Geschichte deshalb berührt, eine Figur glaubwürdig wirkt oder ein Publikum wirklich erreicht, ist eine andere Frage.
Für Kommunikator:innen eine durchaus bekannte Lektion: Eine neue Technologie ist noch keine gute Story. Sie kann aber helfen, eine Story auf eine Weise zu erzählen, die Aufmerksamkeit erzeugt. Genau das versucht Higgsfield mit „Hell Grind“. Und als PR- und Marketingprojekt funktioniert der Streifen damit möglicherweise besser als als Film.
variety.com, wsj.com, youtube.com (Hell Grind), higgsfiel.ai (Hell Grind – uncut)