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1E9 – die Digital-Plattform der Ex-Wired-Macher

© 1E9

Was ich in diesen Tagen sehr schätze: optimistische Ausblicke auf die Zukunft, auf Technologien und was sie für uns zum Guten drehen können. Auch dafür mochte ich die Seite wired.de, außerdem für die Nerd-Atmo, die diese Marke zwischen den Zeilen in meinen Augen ausgestrahlt hat. Ende 2018 wurde die Seite eingestellt. Offensichtlich hat der Verlag (Condé Nast) in Deutschland damit nie ein Geschäft gemacht, vielleicht auch weil es neben Schwestertiteln wie Vogue oder GQ immer fremdelte.

Auf dem gedanklichen Fundament von wired.de wächst jedenfalls ein inoffizieller Nachfolger heran unter dem Namen 1E9. 1E9, das ist Taschenrechnersprache für 1 Milliarde, soll vermitteln: Wenn eine Technologie das Leben von einer Milliarde Menschen verändert hat, dann hat sie die Welt verändert. Federführend bei 1E9 ist das alte wired.de-Team, unter anderem also Krischan Lehmann, der die Plattform hochzieht, und Wolfgang Kerler vor allem als Chefredakteur – aber auch als Kurator und als Moderator von 1E9.

Denn 1E9 setzt voll auf Community. Aktuell sind das etwa 500 Mitglieder, das Angebot läuft erst seit März und noch etwas unter dem Radar. Um beizutreten braucht man (noch) eine Einladung. Klassische Medienhäuser haben nach Ansicht der 1E9-Macher User Generated Content zu lange unterschätzt. Die 1E9-Mitglieder sollen über die Themen auf der Plattform maßgeblich mitentscheiden (und dafür perspektivisch auch einen Mitgliedsbeitrag bezahlen). Statt eine Redaktionssoftware um Mitmach- und Social-Media-Tools zu ergänzen, haben die Macher also eine Community-Software um ein CMS ausgebaut, damit aus den Inhalten der Community am Ende zusätzlich ein Magazin entstehen kann, das von Kerler verantwortet wird.

Neben dem Magazin sortieren sich die Inhalte auf einem „Campus“, wo 1E9-Mitglieder ihre Inhalte und Beiträge veröffentlichen können, und zudem in sogenannten „Zirkeln“, also geschlossenen Foren zu zahlreichen Zukunftsthemen wie Künstliche Intelligenz, New Work, 3D-Druck oder auch Kommunikation in der digitalisierten Welt. Der Plan: In den Zirkeln vernetzen sich sukzessive professionelle Experten mit leidenschaftlichen Laien, und zwar auf Augenhöhe und in Ruhe: Keine Fakes (weder Nutzer noch News), keine Shitstorms, kein Tracking, dafür konstruktive statt apokalyptische Attitüde zu Technologie und Fortschritt. Sowohl die Zirkel- als auch die Campus-Inhalte sollen letztlich Beiträge im Magazin inspirieren, die in der Regel von Journalisten verfasst werden.

„Echte Geschichten hören wir am besten von Machern, von Ingenieuren und Produktleuten selbst. Ihnen müssen wir besser zuhören“, sagte mir Krischan Lehmann neulich, nicht ohne Seitenhieb auf Presse- und PR-Menschen: „Auf dem Umweg über die PR geht aus unserer Sicht zu viel an Substanz verloren.“

Das soll sich ändern, und das dürfte sogar im Sinne der Unternehmen sein. Zwei Aspekte finde ich daran interessant. Zum einen ist es Trend, dass Unternehmen Mitarbeiter als Botschafter in eigener Sache sehen und sie deshalb dazu motivieren, sich als Wissensträger und Ansprechpartner zu outen. In der richtigen Community (auch außerhalb des Unternehmens) blühen sie auf, diskutieren Ideen und setzen Themen.

Zum anderen gefällt mir der Gedanke von inhaltlich getriebenen Plattformen, Netzwerken oder eben „Themen-Zirkeln“ als moderne Option, um Mitarbeiter ständig weiterzubilden. Mit kuratierten Inhalten und Zugängen zu einer Community, in der sich Inhalte und „Dozenten“ fast genauso dynamisch verändern können wie der individuelle Bedarf an Wissen und Austausch.


nico-kunkel_150x150pxÜber den Autor: Nico Kunkel ist seit mehr als zehn Jahren professioneller Beobachter von Themen und Trends in Kommunikation, PR- und Medienindustrie. Er arbeitet als freier Journalist und Impulsgeber für Events und Netzwerke in der Branche. 2012 begründete Kunkel die PR-Nachwuchsinitiative #30u30. Er ist Herausgeber des PR Career Center, das PR-Studierende unterstützt und vernetzt. Nico Kunkel lebt in Berlin. Er twittert als @prreporter.