
Die globale Nachrichtenlandschaft befindet sich im Umbruch – und Deutschland ist mittendrin. Das zeigt der aktuelle Reuters Institute Digital News Report 2026, der auf Befragungen von rund 100.000 Menschen in 48 Ländern basiert. Allein in Deutschland wurden etwa 2.000 Internetnutzer befragt.
„Unser Bericht 2026 zeigt, dass Nachrichtenpublika weltweit mit wachsender Unruhe auf aufeinanderfolgende Phasen politischer, wirtschaftlicher und technologischer Turbulenzen reagieren“, heißt es im Report. Grundannahmen darüber, „wie die Welt funktioniert“, würden zunehmend infrage gestellt.
Deutschland im internationalen Vergleich
Die deutsche Teilstudie wurde vom Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut verantwortet. Die Befragung fand im Januar 2026 statt und ist repräsentativ für die internetnutzende Bevölkerung ab 18 Jahren – mit Blick auf Alter, Geschlecht, Region und Bildung. Dabei gilt eine wichtige Einschränkung: „Bei der Stichprobenziehung aus Online-Access-Panels [kann es] zu Resultaten kommen, die Aspekte der Internetaffinität und die Nutzung des Social Web etwas überschätzen.“
Im internationalen Vergleich zeigt sich Deutschland in einigen Bereichen als Sonderfall – insbesondere beim klassischen Fernsehen.
Plattformen dominieren, Fernsehen hält sich
Weltweit greifen Menschen zunehmend über Plattformen auf Nachrichten zu. Erstmals sind soziale Medien und Videonetzwerke die wichtigste Quelle für Online-Nachrichten: 54 Prozent nutzen sie, während 51 Prozent auf Angebote von Nachrichtenorganisationen zugreifen.
Deutschland folgt diesem Trend – allerdings langsamer als andere Länder. Während in 45 von 48 Märkten bereits mehr Menschen Onlinevideo schauen als klassische Fernsehnachrichten, gehört Deutschland zu den wenigen Ausnahmen: „Deutschland, Dänemark und die Niederlande sind die einzigen drei Länder, in denen Fernsehnachrichten führen oder gleichauf mit dem Onlinekonsum von Nachrichten liegen.“
KI-Wachstum – aber nicht in Deutschland
Ein zentrales Thema der Studie ist die Nutzung von Künstlicher Intelligenz im Nachrichtenbereich. Weltweit verwenden inzwischen 10 Prozent der Befragten KI-Chatbots für Nachrichten.
Doch Deutschland zählt zu den Ländern ohne Wachstum: „Mehrere Märkte, darunter die USA, das Vereinigte Königreich, Frankreich und Deutschland, meldeten im Jahresvergleich keine Zunahme bei der Nutzung von KI-Chatbots für Nachrichten.“
Dort, wo KI genutzt wird, zeigt sich ein klarer Mehrwert aus Sicht der Nutzer:innen: „Die beliebteste Funktion (42 % der Befragten) ist die Möglichkeit, Anschlussfragen zu stellen.“
Video und Creator verändern den Nachrichtenmarkt
Parallel dazu verändert sich die Form der Nachrichten selbst. 77 Prozent der Menschen weltweit konsumieren inzwischen wöchentlich Nachrichtenvideos online – meist über Plattformen wie YouTube, Instagram oder TikTok.
Auch einzelne Akteur gewinnen an Bedeutung: „Rund ein Viertel (27 %) der Befragten weltweit bezieht zumindest einen Teil der Nachrichten von einzelnen Creator oder Influencer.“
Diese werden als „unterhaltsamer, leichter verständlich und nahbarer“ wahrgenommen als klassische Medien – zugleich aber als weniger vertrauenswürdig und unparteiisch.
Auffällig ist: Die Nutzung ist meist ergänzend. Nur 3 Prozent verlassen sich ausschließlich auf Creator.
Sinkendes Interesse und wachsendes Misstrauen
Während sich die Kanäle verändern, sinkt das Interesse an Nachrichten. Seit 2021 ist der Anteil der stark Interessierten um durchschnittlich 13 Prozentpunkte zurückgegangen.
Zugleich wächst die Gruppe der passiven Nutzer:innen: „Ein Viertel (25 %) der Befragten sind inzwischen gelegentliche oder passive Nachrichtenkonsument, die Nachrichten meist nur einmal pro Woche nutzen und wenig bis gar kein Interesse daran haben.“
Noch gravierender ist der Vertrauensverlust. Weltweit liegt das Vertrauen in Nachrichten nur noch bei 37 Prozent – ein historischer Tiefstand.
Ein Grund liegt auch in der veränderten Nutzung: „Soziale Medien und Videonetzwerke werden seit Langem als weniger vertrauenswürdig eingeschätzt als traditionelle Nachrichtenmedien.“ Je stärker sich der Konsum dorthin verlagert, desto stärker sinkt das Vertrauen insgesamt.
Auch die Sorge vor Desinformation wächst: „Die Bedenken hinsichtlich Fake News sind um 4 Prozentpunkte auf durchschnittlich 62 % gestiegen.“
Wunsch nach Neutralität bleibt – Kritik an Berichterstattung wächst
Trotz aller Veränderungen bleibt ein zentraler Anspruch bestehen: Unparteilichkeit. „Fast die Hälfte (45 %) der Befragten bevorzugt weiterhin Nachrichten, die keine Seite ergreifen.“
Doch die Realität wird oft anders wahrgenommen. Gerade bei großen Themen wie Migration sehen viele Defizite: „Deutlich mehr Menschen sind der Meinung, dass die Medien bei der Berichterstattung über Migration schlechte statt gute Arbeit leisten.“
Auch in Deutschland zeigen sich dabei starke politische Unterschiede. Laut Studie gibt es „sehr große Differenzen in den Einstellungen zur gesellschaftlichen Wirkung öffentlich-rechtlicher Nachrichten zwischen Menschen mit linken und rechten politischen Positionen“.
Fazit: Stabilität unter Druck
Der Digital News Report 2026 zeigt eine Medienwelt im Spannungsfeld zwischen technologischem Wandel, wachsender Skepsis und neuen Nutzungsgewohnheiten.
Für Deutschland ergibt sich ein gemischtes Bild: Einerseits halten sich klassische Medien länger als in vielen anderen Ländern. Andererseits greifen auch hier Plattformlogiken, Vertrauensverluste und veränderte Erwartungen.
Oder, wie es im Report zusammengefasst wird: Es sei „konstruktiver, die Ängste und Sorgen des Publikums anzuerkennen und sich darauf zu konzentrieren, was Journalismus leisten kann, um Menschen zu helfen, zu verstehen, was geschieht – und welche Bedeutung es für ihr tägliches Leben hat.“
reutersinstitute.politics.ox.ac.uk, reutersinstitute.politics.ox.ac.uk (Report, PDF), leibniz-hbi.de (Ergebnisse Deutschland)