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Sind wir Menschenfresser?

Foto: © AdobeStock/ 1STunningART

Resilienz sei eine Geheimwaffe, „wie saufen ohne Koma“. So stand es auf einer der Folien, die Nina Stoffel und Linda Schipp für ihren exzellenten Pitch vorbereitet hatten. Beide sind damit Mitte November im PR-Nachwuchswettbewerb #30u30 angetreten. Ihre Botschaft: Sprecht über das Thema Resilienz (tue ich hiermit!). Und fordert von euren Arbeitgebern ein, in Resilienz gefördert zu werden.

Resilienz, also innere Abwehrkräfte und mentale Widerstandsfähigkeit, müssten also viel früher Teil der Ausbildungsprogramme werden, Teil einer Kultur in der Branche. Ich fand und finde den Vorstoß sehr überzeugend. Weil sie recht haben: Junge Menschen sind nicht ausreichend auf den mentalen Stress vorbereitet, wenn sie in den Job kommen. Sie haben kaum Strategien, mit Stress und zu großer Belastung umzugehen und sind deshalb gefährdet, auszubrennen. Ältere Kollegen übrigens auch nicht. Burnout ist in der Branche kein Tabu mehr, und beinahe zusehends äußern sich dazu mehr und mehr Kollegen offen. Auch bereits in jungen Jahren. Es betrifft alle.

Verbrennt die PR-Branche also systematisch ihr Personal? Ich vermute – und das ist ja alarmierend genug: Es ist in der PR-Branche nicht dramatisch schlimmer als in anderen Branchen auch. Burnout ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Die PR-Branche ist kein Land der Menschenfresser, gleichwohl gibt es Faktoren, die begünstigen, dass Menschen schneller ausbrennen als anderswo. Darauf deuten offenbar auch die Ergebnisse der Befragung hin, die Daniel Neuen unlängst angestoßen hat und die er im nächsten PR Report veröffentlichen wird.

Resilienz fördern ist Vorsorge und bedeutet, Leistungsfähigkeit zu sichern. Dahinter steckt aber auch die Verantwortung jedes einzelnen für sich selbst – auch darin könnte man junge Leute schulen. Man kann sie nicht auf Arbeitgeber abwälzen, und trotzdem darf man Chefs nicht völlig aus der Verantwortung lassen. Arbeitgeber haben eine Fürsorgepflicht. Sie prägen das Verhältnis zu ihren Kunden. Sie rüsten ihre Führungskräfte, die erkennen müssen, wo Belastungsgrenzen erreicht sind. Und sie leben selbst vor, wie offen im Unternehmen mit Überbelastung umzugehen ist. Darin sehe ich eine noch größere Verantwortung, als Mitarbeiter in Resilienz zu schulen. Um das Bild vom Anfang noch einmal aufzugreifen: Um nicht ins Koma zu fallen, hilft es auch, weniger zu saufen.

Danke an alle Teilnehmer des #30u30-Wettbewerbs für ihre Ideen, danke an Nina Stoffel und Linda Schipp für ihren Beitrag, der zu diesem Text inspirierte


nico-kunkel_150x150pxÜber den Autor: Nico Kunkel ist seit mehr als zehn Jahren professioneller Beobachter von Themen und Trends in Kommunikation, PR- und Medienindustrie. Er arbeitet als freier Journalist und Impulsgeber für Events und Netzwerke in der Branche. 2012 begründete Kunkel die PR-Nachwuchsinitiative #30u30. Er ist Herausgeber des PR Career Center, das PR-Studierende unterstützt und vernetzt. Nico Kunkel lebt in Berlin. Er twittert als @prreporter.