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Brüllaffen zur besten Sendezeit

Dass der Mensch vom Affen abstammt, ist allgemein bekannt. Wer daran bis jetzt gezweifelt hat, dem seien die zahlreichen Talkshows im Abendprogramm der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender empfohlen. Vorzugsweise sind dabei die Rederunden zu analysieren, die sich als „politische“ Talkshows klassifizieren und versuchen die komplexen politischen Sachverhalte der Gegenwart für den Fernsehzuschauer greifbarer aufzubereiten.
 
Nach jahrelangem Studium eben dieser Fernsehformate habe ich eine Theorie der menschlichen Abstammung weiter entwickelt: Wir stammen alle von verschiedenen Affenarten ab. Manche von den körperbetonten Gorillas, manche von den pfiffigen Bonobos und manche von der lautstarken Spezies der Brüllaffen.
 
Wer kennt nicht die klassische Diskussionskultur, in der mit hochrotem Kopf, bedrohlicher Mimik und in der Lautstärke eines Düsenjet das Gegenüber mit Argumenten bebrüllt wird. Wer jetzt denkt, das muss doch nicht sein, der verkennt die genetische Programmierung mancher Akteure. Wikipedia sagt zu den Brüllaffen: „Brüllaffen haben ihren Namen vom lauten Brüllen der Tiere, das beide Geschlechter ausstoßen und das über mehrere Kilometer hinweg hörbar ist. Das Gebrüll dient vor allem der Kommunikation verschiedener Gruppen untereinander.“ Für Brüllaffen sind Brüllen und Pöbeln also ganz normal.
 
Das Problem dabei: Mit diesem lautstark ausgetragenen Revierkampf werden komplexe Sachverhalte nicht wirklich verständlicher. Eine aktuelle Publikation veranschaulicht, wohin das führt: In den „Media Perspektiven“ (Heft 1/2013) wurde die Studie „Medienübergreifende Informationsrepertoires“ veröffentlicht. Die Autoren fragten sich, wie sich die Meinungsbildung in Zeiten des Medienwandels strukturiert. Die Studie zeigt, dass das Fernsehen seine Rolle als Leitmedium der politischen Meinungsbildung noch nicht verloren hat, auch wenn das Internet rasant an Boden gewinnt. Der Angebotstyp „Politische Talkshows“ wird jedoch nur von 7,9 Prozent der Befragten als Quelle für die politische Meinungsbildung angegeben. Die überwiegende Mehrheit, nämlich 69,8 Prozent, bevorzugt die Fernsehnachrichten.
 
Meine Empfehlung an die Programmplanung der Öffentlich-Rechtlichen: Nachrichtlich aufgebaute Formate mit differenzierter Informationsaufbereitung eignen sich besser, um den Auftrag der Grundversorgung mit politischer Information zu bewältigen. Gorillatypen sind gut für Krimiformate und den Brüllaffen gehören die Zoosendungen des Vorabendprogramms. Vielleicht wandern die politisch interessierten Zuschauer dann auch nicht ins Internet ab.

Über den Autor: Uwe Mommert ist Vorstand für Vertrieb und Produktion der Landau Media AG. Darüber hinaus ist er begeisterter Web 2.0-Fan und immer an innovativen Ideen interessiert. Für medienrot.de kommentiert Uwe Mommert regelmäßig das Mediengeschehen.