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Was junge Talente beschäftigt

Foto: © Fotolia/Robert Kneschke

Ich bin wieder aktiv auf der Suche. Wir starten nämlich gerade in die sechste Saison der PR-Nachwuchsinitiative #30u30, für das Sie gerne hier junge Talente aus der Branche vorschlagen können. Ich tue mich täglich in dem wachsenden Alumni-Netzwerk der Initiative um, beobachte, wie aus Nachwuchshoffnungen junge Führungskräfte werden. Für die aktuelle Ausgabe des PR Report habe ich mit Teilnehmern der ersten Generation der Initiative gesprochen. Ein paar Gedanken möchte ich hier teilen.

Besonders beeindruckend finde ich, wie groß die Gründerlust unter den Alumni und ihren Altergenossen ist. Es lohnt, auf die vielen jungen Unternehmer zu achten, die unsere Branche hervorbringt, die freilich die anhaltend gute Konjunktur nutzen und von den Nischen profitieren, die sich in unserem sich verändernden Geschäft auftun. Antrieb gibt vielen die Freiheit, selbst zu gestalten und klassische Regeln zu brechen. Die neuen Agenturen arbeiten kollaborativ (auch mit Wettbewerbern), haben Urlaubsflatrates oder Einheitsgehälter, und sie leben demokratische Mitbestimmung, wie beispielsweise die Darmstädter Agentur quäntchen+glück, die mir oft durch besondere Probierfreude auffällt.

Dominant ist unter jungen Mitarbeitern der Wunsch, Zeit und Verantwortung besser einteilen zu können. Es geht dabei nicht um Gleitzeit; tatsächlich scheinen mir klar definierte Arbeitszeiten und die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatsphäre wichtiger zu werden. Aber nicht selten handeln sich junge Kollegen etwa einen freien Tag in der Woche aus, in dem sie „eigene Projekte“ forcieren können. Das zwingt Agenturen (und ihre Kunden) zum Umdenken, aber so kombinieren Mitarbeiter Sicherheit mit Flexibilität. „Freiheiten“, wie Obstkorb und Kletterwand, die vor einigen Jahren noch die neue Arbeitswelt symbolisierten, sind längst verdrängt worden.

Auffällig oft bemängeln Arbeitgeber aber mir gegenüber eine abnehmende Loyalität junger Mitarbeiter. Ich kann das so nicht erkennen. Aus dem ersten Jahrgang von #30u30 arbeitet bis heute ein Drittel aller Teilnehmer nach wie vor bei ihrem Arbeitgeber von damals. Allerdings in anderen Positionen. Viele Wechsel ergaben sich aus persönlichen Gründen, weil in einem kritischen Alter um die 30 die persönliche Lebens- und Karriereplanung oft zu Entscheidungen zwingt.

Ich sehe also nicht so sehr den Verlust von Loyalität in einzelne Arbeitgeber, sondern schlimmer: Es sinkt die Loyalität in die Branche. Ganz selbstverständlich wechseln junge Talente zwischen der PR- und der Kreativbranche, schnuppern in der Beratung, in Startups oder Technologieunternehmen. Selbst Großunternehmen bemühen sich, agil zu wirken und Hierarchien abzubauen. Wir alle greifen inzwischen auf dasselbe Skillset zurück, das junge Talente für komplexe Arbeitsumfelder brauchen, die sich schnell verändern. Agenturen verlieren damit ein Alleinstellungsmerkmal.

Eine große Rolle spielt vor dem Hintergrund das Einstiegsgehalt, ein Evergreen und Thema Nummer eins unter vielen Einsteigern. Der Konflikt dreht sich dabei nicht unbedingt um eine absolute Summe, sondern um eine Mangel an Teilhabe und Wertschätzung, den Einsteiger empfinden. Mir scheint: Das Volontariat als On-Boarding in Agenturen verdirbt ihnen bei Einsteigern ihren Ruf als Arbeitgeber, um den sie derzeit so bemüht sind.

Beinahe unisono stellen #30u30-Alumni nämlich rückblickend fest: Eine steile Lernkurve schlägt das erste Geld. Und diese Lernkurve hängt von den Menschen ab, unter deren Einfluss man arbeiten kann. Mentoren also binden Talente, und als solche tun sich Führungskräfte hervor, die ihren Schützligen einerseits früh Verantwortung übertragen (und wenn im kleinem Rahmen), Fehler dulden und sich im Anschluss auch Zeit für eine ehrliche Auseinandersetzung nehmen. Wie lässt sich also sicherstellen, dass Ein- und Aufsteiger konstant lernen – und ab einem gewissen Punkt selbst ihr Wissen weitergeben?

Agenturen haben hier eine Stärke, die sie kaum kommunizieren. Stattdessen hadern viele mit den steigenden Ansprüchen von Einsteigern. Interessant finde ich dabei die Rolle der Hochschulen, die den PR-Nachwuchs ausbilden und die dieses neue Selbstbewusstsein (mit Recht) kultivieren. In der Breite fremdeln Arbeitgeber bis heute mit der Akademisierung, die die Branche seit langer Zeit forciert. Sie unterschätzen damit das neue Fachwissen als relevante Ressource in ihrem Alltagsgeschäft. Das liegt allerdings auch an den Hochschulen, die den Mehrwert des PR-Studiums unterschiedlich gut an die Praxis vermitteln.

Ich halte dabei die studentischen Initiativen für ein zentrales Scharnier, das Orientierung auf beiden Seiten liefert – und engagierten Hochschülern Raum gibt. Öffnen Sie Ihnen also unbedingt die Tür! Vor allem Agenturen haben die PR-Vereine längst als hilfreiche und konkrete Schnittstelle zum Nachwuchs entdeckt.

Unter den Tisch fallen dabei allerdings zunehmend Quereinsteiger, also vor allem Abgänger aus klassischen und breiten Studiengängen, die keine explizite PR-Ausbildung haben. Hier lauert auch Gefahr, weil wir in Zukunft in der Branche zwar zunehmend das PR-Fachwissen brauchen, deswegen aber trotzdem nicht auf die Horizonte und Denkmuster, die andere Studienrichtungen prägen, verzichten dürfen.

Diese Vielfalt zeichnet innovative Branchen aus, und sie soll deshalb auch Kriterium für die Auswahl unserer neuen #30u30-Talente sein, die wir Ende Mai treffen. Ich freue mich, wenn Sie uns helfen, diese zu finden.


nico-kunkel_150x150pxÜber den Autor: Nico Kunkel ist seit mehr als zehn Jahren professioneller Beobachter von Themen und Trends in Kommunikation, PR- und Medienindustrie. Er arbeitet als freier Journalist und Impulsgeber für Events und Netzwerke in der Branche. 2012 begründete Kunkel die PR-Nachwuchsinitiative #30u30 (www.30u30.de). Nico Kunkel lebt in Berlin. Er twittert als @prreporter.