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Phänomen Hackathon: Warum Sie Entwickler für sich gewinnen sollten

Foto: © Fotolia/beatpavel

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Branchenkenner Nico Kunkel fragt sich, warum PR-Profis bisher nur in sehr überschaubaren Ausnahmen auf motivierte Entwickler zugehen und interne Datensätze zur Verfügung stellen. Hackathons können dabei helfen, die eigenen Produkte und Themen weiterzuentwickeln. Kunkel plädiert letztlich für mehr Mut.

Waren Sie je auf einem Hackathon? In Berlin – mal durch meine Brille – findet sowas jede Woche statt. Unternehmen baggern dabei die digitale Szene an, indem sie motivierten Entwicklern interne Datensätze zur Verfügung stellen, aus denen dann über Nacht Ideen entstehen – meist sogar erste Prototypen von digitalen Produkten. Die Deutsche Bahn macht das, die Deutsche Bank, Lufthansa, Bosch, viele. Auch außerhalb Berlins. Die Stadt Moers am Niederrhein zum Beispiel veranstaltet jährlich einen Hackday, an dem Entwickler mit offenen Verwaltungsdaten experimentieren. Ohne Agenda, ohne Meetings, ohne Hierarchie und Krawatte.

Saugen hier also Unternehmen kostensparend und schnell die Ideen der Hacker-Gemeinde ab – im Austausch gegen Pizza und Club Mate? Kein fairer Deal, möchte man meinen. Doch dieses Klischee trügt. Digitale Entwickler sind längst keine naiven Kellerkinder mehr, die sich für eine Pizza ihren Output abluchsen ließen. Sie sind die knappe Ressource des digitalen Wandels. Und, ich glaube, dabei sehr anspruchsvoll.

Der Hackathon ist im besten Fall nur der spielerische Auftakt für eine langfristige Beziehung zur Entwicklerszene – wenn Sie als Unternehmem dieser auf Augenhöhe begegnen wollen. Ob die Bosse dabei in Anzug oder Hoodie auflaufen (oder beides übereinander tragen!) ist aus meiner Sicht weniger entscheidend, als dass sie ernsthaftes Interesse beweisen. Und dass sie Daten im Gepäck haben, für die sich ein Rudel Entwickler gerne die Nacht um die Ohren haut. Auch hilfreich: Eine grobe Vorstellung, welche Fragen Sie in den Raum werfen wollen. Funktionieren unsere APIs – sprich die Schnittstellen? Sammeln wir die richtigen Daten und wie kompatibel sind unsere digitalen Pläne mit der Realität der Entwicklerszene und interessierten Start-ups?

Die Motive der Entwickler sind dabei unterschiedlich: Geld ist gefühlt selten die treibende Kraft. Preise? Fame? Kontakte? Jobs? Möglich. Entwickler interessieren sich vor allem für Ihre Daten und sehen es als Anreiz, in interdisziplinären Teams komplexe Probleme anzupacken. Insbesondere festangestellte Entwickler profitieren von externen Impulsen. Und, fair enough: Wo sich Unternehmen öffnen, loten geschäftstüchtige Digitale freilich aus, was Unternehmen bewegt und wo ihre Bedarfe sind. Es sind Learnings, die später in eigene Produkte einfließen, um sie der Industrie anschließend zu verkaufen.

Entwickler sind aus meiner Sicht hier relevante Stakeholder, die Kommunikationsprofis auf dem Schirm haben sollten. In der digitalen Welt sind Produkte vernetzt. Sie sind immer in der Hosentasche dabei. Kunden lieben digitale Schnittstellen, die unterschiedliche Angebote flüssig integrieren und dafür lautlos miteinander kommunizieren. Es entstehen Standards, Plattformen und Ökosysteme – von der Telekommunikations- und Unterhaltungsindustrie bis zur Gesundheits- und Fitnessbranche. Denken Sie an Smart Home, E-Mobility und die Shared Economy. Zu den Trendsettern gehört die internationale Entwickler-Community, der Unternehmen klar machen müssen, was sie zu bieten haben.

Mich wundert, dass die stark vernetzte PR-Branche Hackathons nicht längst adaptiert hat – von Ausnahmen einmal abgesehen: Unter Aufsicht der Agentur TLGG hackte die Szene im vergangenen Jahr zum Thema Chatbots, und für Mitte Februar bittet die dpa-Tochter news aktuell nach Frankfurt zum ersten „PR-Hack“ der Branche. Was das nun für die PR-Branche bringt? Und mit welchen Ideen und Daten sie dabei wuchern kann? Höchste Eisenbahn, das herauszufinden!

nico-kunkel_150x150pxÜber den Autor: Nico Kunkel ist seit mehr als zehn Jahren professioneller Beobachter von Themen und Trends in Kommunikation, PR- und Medienindustrie. Er arbeitet als freier Journalist und Impulsgeber für Events und Netzwerke in der Branche. 2012 begründete Kunkel die PR-Nachwuchsinitiative #30u30 (www.30u30.de) – und inspizierte mit dieser Anfang September selbst den Siemens-Newsroom. Nico Kunkel lebt in Berlin. Er twittert als @prreporter.