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Junge Freiberufler in der PR

Foto: © Fotolia/artinspiring

Ich möchte niemanden mehr über mir, ich brauche höchstens jemanden neben mir. Solche Aussagen höre ich in der letzten Zeit oft. Und zwar von Menschen, die kaum ihren Studienabschluss in der Tasche haben, aber bereits auf eigene Rechnung Dienstleistungen in der Kommunikation anbieten. Auch die erste Ausbeute an Nominierungen für die aktuelle Runde der Talentsuche #30u30 enthält eine bemerkenswerte Anzahl junger Freiberufler und Gründer der Kommunikationsbranche. Das ist diese Saison neu.

Die Arbeit als Freiberufler galt, so lange ich in der Branche bin, als hartes Brot. Und sind wir ehrlich, sie war meist unfreiwilliger Überbrücker, wenn es verdiente Kräfte aus der klassischen Struktur gespült hatte. Journalisten und PR-Leute sind praktisch nie arbeitslos – ein bißchen frei arbeiten war immer drin.

Diese Perspektive ist überholt, und das ist für Arbeitgeber fast ein Fanal. Während sie derzeit an einem ausgezehrten Arbeitsmarkt kluge Leute suchen, machen sich genau diese (wieder) zunehmend selbstständig – und lassen sich nicht mehr fest binden. Mir ist klar: Nicht jeder junge Mensch ist ein Talent und zur Selbstständigkeit geboren. Aber aus Sicht klassischer Arbeitgeber gehen gerade die, die das sind, dem Markt zunächst verloren.

Warum ist das so?

Die Konjunktur schanzt ihnen attraktive Kunden zu, die agil und kollaborativ arbeiten wollen (oder müssen). Innovationen öffnen Nischen am Markt, in die junge Macher mit ihren Ideen schlüpfen, solange große Agenturen mit sich selbst beschäftigt sind. Außerdem sinken die Hürden stetig, als Freiberufler zu starten: Netzwerke, die Profil verleihen, Vernetzung bieten und Türen öffnen oder Kollaborationen ermöglichen, erleben derzeit einen beispiellosen Aufschwung.

Die Freiberuflichkeit verspricht Selbstverwirklichung, persönliche Freiräume und Flexibilität, alles mittlerweile ohnehin Klassiker in der Bedürfnispyramide junger Einsteiger. Viele Unternehmen und Agenturen leben aus der Sicht junger Gründer nach wie vor das klassische Karrieremodell, das sie infrage stellen.

Hierarchien etwa blockieren aus ihrer Sicht nur den schnellen Aufstieg in eine Position, in der sie relevante Entscheidungen treffen, Verantwortung tragen, vor allem: selbst Fehler machen können, aus denen sie dann lernen. Wozu denn der Umweg?

Chefs müssen Mentoren sein. Mentoren aber keine Chefs. Die Identifikation allein dank starker Arbeitgebermarken sinkt. Wie also sehen Anreize aus, die eine intrinsische Motivation fördern? Geld sei kein treibender Faktor, heißt es unisono. „Faire Löhne“ aber schon.

Ich beobachte beachtliches Selbstbewusstsein – und eine altersgerechte Portion Idealismus – unter jungen Gründern in der Kommunikation, was sie daran glauben lässt, „etwas“ besser machen zu können als etablierte Branchenakteure. Und sie nehmen sich das Recht, das auf den Prüfstand zu bringen. Fair enough!

Die Risiken einer Selbstständigkeit seien überschätzt. Es mangele an „Blaupausen“, wie eine Selbstständigkeit in jungen Jahren funktionieren kann, während Unternehmen und Agenturen mit dem traditionellen Karriere-Narrativ eine trügerische Sicherheit vorgaukelten, die junge Gründer offenbar längst für Illusion halten.

Zudem vermittelt der Markt jungen Freiberuflern, dass die Rückkehr in die Angestelltenlaufbahn (der worst case!) nahezu jederzeit möglich ist. Und das mag, trotzdem ein Konjunkturabschwung langsam dämmert, sogar stimmen. Die Demographie spielt jungen Leuten in die Hände, und für viele Agenturen rächt sich derzeit, dass sie eine strategische HR-Arbeit lange vernachlässigt haben. Das werden sie ändern müssen.

Im Austausch mit jungen Hochschülern, die es in die PR-Branche zieht (wie hier vor gut einer Woche in Frankfurt), dreht sich eine Einsteigerdiskussion meist noch allein um die Frage: Agentur oder Unternehmen? Nach meiner Wahrnehmung dauert es nach dem Abschluss aber inzwischen nicht mehr lange bis eine dritte Option zumindest auf dem Tisch liegt: selber machen.

Danke an Nils Langhans, Jochen Heimann , Tobias Lübke & Christian Storch für den Austausch!


nico-kunkel_150x150pxÜber den Autor: Nico Kunkel ist seit mehr als zehn Jahren professioneller Beobachter von Themen und Trends in Kommunikation, PR- und Medienindustrie. Er arbeitet als freier Journalist und Impulsgeber für Events und Netzwerke in der Branche. 2012 begründete Kunkel die PR-Nachwuchsinitiative #30u30 (www.30u30.de). Nico Kunkel lebt in Berlin. Er twittert als @prreporter.