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Eine erste Bilanz der „BILANZ“

AXEL SPRINGER bringt endlich das Magazin, was sich mindestens die Chefetage  im Hause wohl schon sehr lange gewünscht hat: BILANZ, einen Magazintitel der neben Spiegel, Wirtschaftswoche und einem Cicero wertig und wichtig erscheinen kann.

AXEL SPRINGER wurde als Verlagshaus immer wieder bespöttelt, weil es keinen Spiegel oder Stern hatte, und es weder über einen großen Wirtschaftstitel noch ein tonangebendes Gesellschaftsmagazin verfügte. DIE WELT ist zwar eine überregionale Tageszeitung und mit der WamS auch mit einer Sonntagsausgabe flankiert. Sie ist aber auch nach FAZ und der Süddeutschen die Überregionale mit der kleinsten Auflage – und das schon immer gewesen.

Um so mehr muss es im Hause SPRINGER eine Genugtuung gewesen sein, als am Freitag die erste Ausgabe des neuen, monatlichen Wirtschaftsmagazins BILANZ als Beilage von DIE WELT und DIE WELT kompakt erschien.

Ein erster Blick auf das Cover des Heftes lies mir tatsächlich etwas die Gesichtszüge entgleisen. Schon der Titel kommt mit einem Typo-Massaker im die Ecke: Schriften mit und ohne Serifen, kursiv, gefettet, fein, mal Worte nur mit Majuskeln (Großbuchstaben), mal in normaler Schreibweise und Buchstaben mit insgesamt sechs Farben. Die KollegInnen bei BILANZ nennen es vielleicht kreativ, ich wäre mir da nicht so sicher.

Im Heft geht es weiter. Die Bildsprache wirkt auf mich nicht stringent. Mal sind es einfach viereckige kleine oder große Bilder. Es finden sich auch zahlreiche kleine runde Bilder mit Köpfen, die mal freigestellt sind und dann in Grautönen auf einem farbigen Hintergrund stehen oder die mal einfache Farbfoto-Portraits sind und nicht freigestellt wurden. Dann tauchen auch illustrierte Portraits von Menschen auf. Und auch zahlreiche „freigestellte“ Personen sind in den Artikeln zu finden. Auf den Seiten 33 und 82 wird es dann wirklich krude: Portraits in Grautönen vor merkwürdigen roten bzw. grünen Mustern. Große Aufmacherfotos finden sich auch. Jedoch finden sich in Ihnen mal die Headlines samt Teaser, mal stehen Teaser und Headline daneben; dann schiebt sich auch mal eine Headline nur mit ein paar Buchstaben in das entsprechende Bild.

Stringent hingegen sind die Infografiken in den Farben der jeweiligen Rubriken gehalten. Leider ist nicht immer klar, warum die Übersichten immer wieder merkwürdige Platzierungen an den Beiträgen bekommen haben. Wofür es immer wieder kleine graue Pfeile braucht – unklar.

Die Aufteilung der Textspalten und das Einfügen kurzer Einlassungen dazwischen geht ganz klar zu Lasten eines ruhigen Leseflusses, den ich tatsächlich bei einem Monatsmagazin erwartet habe. Generell versucht man zwar zweispaltig zu bleiben, aber die Einlassungen machen das Gesamtbild nervös. Erst recht, wenn sie dann auch immer wieder mal mit serifenloser Schrift oder einer Serifenschrift gesetzt sind.

Insgesamt ist in Bezug auf das Erscheinungsbild einfach noch zu viel von allen Gestaltungselementen vorhanden. Ich wünsche mir, dass das Team nach der ersten Ausgabe noch mal das Motto „weniger ist mehr“ ansetzt und das Heft von seinen überbordenden Elementen entschlackt. Immerhin hat die brandeins schon vor vielen Jahren eine Art positiven Standard in Sachen angenehmen Layout für lange Texte gesetzt. Man muss ja nicht „abkupfern“, kann aber ein gutes Vorbild nutzen.

Aus dem zu verspielten Layout  ergibt sich eine sehr grundsätzliche Frage: Wer soll das Heft lesen? Die eher älteren LeserInnen von DIE WELT? Für die dürfte das Magazin optisch etwas zu schräg sein. Oder sollen es eher die jüngeren LeserInnen von DIE WELT kompakt goutieren? Da frage ich mich, ob die Textlängen vielleicht schwierig sind.

Inhaltlich kann ich noch nichts sagen, das wäre an dieser Stelle auch unfair. Ich hatte noch nicht die Zeit viel zu lesen. Eines fiel beim Durchblättern gleich positiv auf. Man hat sich komplett auf längere Textstücke eingelassen und nur an einigen Stellen – vermutlich aus lesepsychologischen Gründen – kurze Infostücke dazwischen geschoben. So entgeht die Redaktion dem Versuch, aktuelle Themen hastig aufzugreifen und doch noch ins Heft zu pressen. Ein dicker Pluspunkt für ein Monatsheft, dass damit seine Stärke ausspielen kann: Hintergründe zu aktuellen Themen liefern.

Insgesamt muss man AXEL SPRINGER zu dem mutigen Schritt gratulieren, ein kostenintensives Wirtschaftsmagazin zu veröffentlichen. Und es dann auch noch als Beilage und nicht als teuren Titel ins schwierige Abomarketing bzw. den Einzelverkauf zu geben, dafür braucht es Rückgrat. Tatsächlich wird die Zeit erst zeigen, ob sich die richtigen LeserInnen finden werden. Und ob es die Redaktion schafft, Monat für Monat tiefgründige Stories zu sammeln, die auch mal für Gesprächsstoff im gesamten Blätterwald sorgen können. Zu wünschen ist es der mutigen Truppe.

UPDATE: Was sagen die anderen KollegInnen zur neuen „BILANZ“?

Text: Jens Stoewhase