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Das Recht von Recruitern in Ruhe gelassen zu werden

Foto: © Fotolia/denisismagilov

Dieser Artikel ist zuerst auf Englisch erschienen im Blog des Autors.

Vor Kurzem teilte jemand auf Twitter eine Liste mit über 1.000 Slack-Communitys an seine 4.700 meist im HR-Bereich tätigen Follower. Viele Kollegen im Recruiting-Business würden das als Goldmine bezeichnen, denn in diesen Communitys finden sich Millionen Menschen (lies: Kandidaten, Provisionen) fein säuberlich sortiert nach Branchen, Tätigkeiten, Ländern, manchmal sogar nach sexueller Orientierung und Geschlecht.

Und während der Teil von mir, der Menschen rekrutiert, sich mit Freude an diese Listen machen wollte, war ein anderer Teil etwas vorsichtig. Wollen diese Menschen denn überhaupt „rekrutiert“ werden? Gibt es so etwas wie ein „Recht von Recruitern in Ruhe gelassen zu werden“?

Die Start-up- und Software-Branche ist wahrscheinlich am stärksten betroffen vom Boom der Headhunter- und Recruiting-Agenturen. Da ist es keine Überraschung, wenn Software-Entwickler sich mehr und mehr über Fehlverhalten, mangelnde Professionalität und regelrechtes Stalking durch die schwarzen Schafe der Branche beklagen:

Und es gibt Recruiter wie Ionut Roghina, die Einblicke geben in die Ursachen für den Sittenverfall: What’s the Deal with IT Recruitment Agencies?

Kein Wunder, dass die Software-Entwickler mittlerweile zu rauen Mitteln greifen:

Aber es gibt auch die technische Seite des IT-Recruitments: Kein Tag vergeht, an dem nicht ein neues Tool durch die HR-Gemeinde geistert, mit dem man jedermanns Email-Adresse herausfinden kann. Webseiten, die die Email-Konventionen von großen und kleinen Unternehmen einsammeln und Recruitern dann nach Eingabe des gesuchten Namens die fertig konfigurierte v.nachname@email.com ausgeben. Damit kann man dann eigentlich jedermann, der aus Versehen mal auf einer Konferenz gesprochen hat, ganz entspannt stalken und digital zumüllen, bis das LinkedIn-Profil gelöscht wird. Auch Browser-Plugins, die zu jedem LinkedIn-Profil alle möglichen Social-Media-Accounts einer Person auswerfen, finden sich zuhauf. Und das ist verständlich, denn Jagdinstinkt muss rücksichtslos sein, will man in der provisionsbasierten Branche Erfolg (hier: Geld) haben.

Und Unternehmen sind oft nicht besser dran. Kein Tag vergeht, an dem nicht ein Recruiter aus Dublin oder London anruft oder mailt und beginnt mit „Ich weiß, Sie haben viel zu tun, aber …“. Ohne die kleinste Idee von unserem Bedarf oder gar unserem Tech Stack bekommt man Profile von „einigen tollen Kandidaten, mit denen ich gerade arbeite“  – am besten noch mit dem Hinweis am Ende „Mit dem Empfang dieser Email akzeptieren Sie unsere AGBs und die darin enthaltenen Provisionsvereinbarung“. Als ob Verträge so funktionierten.

Recruiter haben sich schon an unserer Telefonzentrale vorbeigelogen und mit den Entwicklern verbinden lassen. Noch während der mir von dem wirren Telefonat berichtet, ruft mich der gleiche Recruiter an, um mir den Ersatz für den vermeintlich abgeworbenen Entwickler zu verkaufen.

Man fragt sich, ob es ein nachhaltiges Geschäftsmodell ist, 21-Jährige auf Provisionsbasis einzustellen und Menschen stalken zu lassen, um sie an den Höchstbietenden zu verscherbeln.

Hoffentlich nicht.

sebastian-dietrich-s
Über den Autor: Sebastian Dietrich studierte Politik und Publizistik- und Kommunikationswissenschaften in Potsdam und Berlin. Er arbeitet seit über zehn Jahren an der Schnittstelle von Human Resources und Public Relations, auf Agentur- wie Unternehmensseite.