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Das Netz schafft doch was

© 2015 Blogger für Flüchtlinge

© 2015 Blogger für Flüchtlinge

Auch wenn man im Moment ob der Stammtischparolen zur Flüchtlingsdebatte in sozialen Netzwerken verzweifeln könnte, es ist nicht alles schlecht, da draußen in diesem Internet.

Drei Beispiele belegen, wie soziale Netzwerke die Bezeichnung „sozial“ wieder verdienen.

Die Initiative #Bloggerfuerfluechtlinge sammelt in kürzester Zeit 100.000 €

Die BloggerInnen Nico Lumma, Stevan Paul, Karla Paul und Paul Huizing haben über die Crowdfunding-Plattform betterplace.org die Spendenaktion #Bloggerfuerfluechlinge ins Leben gerufen. Und zwölf Tage später habe sie bereits mehr als 100.000 Euro eingesammelt. Geld, das direkt und transparent in verschiedene Projekte für die Flüchtlingshilfe fließt.

Was hat es gezeigt? Mithilfe von Blogs, Twitter und weiteren sozialen Plattformen können Menschen mobilisiert werden und offenbar unbürokratisch und direkt finanzielle Hilfe generieren. Für die schnelle Informationsverbreitung innerhalb des aktiven Unterstützerkreises nutzen die BloggerInnen u.a. eine Facebook-Gruppe.

Faktisch ist die Aktion eine Art „Bloggerparade“, die jedoch nicht auf Linkfutter aus ist, sondern wirklich vernetzt und Impact hat. Etablierte Medienmarken griffen inzwischen das Thema auf und drehten so die Aufmerksamkeitsspirale für #Bloggerfuerfluechtlinge weiter auf.

Inzwischen wird die gesamte Aktion zu einem dauerhaften Projekt weiterentwickelt. Sie soll nicht nur ein Strohfeuer im Netz bleiben. Neben Geld sucht man UnterstützerInnen für die verschiedensten Bereiche.

#AktionArschloch bringt einen Song von Die Ärzte auf Platz 1

Vor mehr als 20 Jahren schuf die Band Die Ärzte mit dem Song „Schrei nach Liebe“ eine Art Ventil für die fehlenden Worte nach den Schandtaten von Rostock, Hoyerswerda, Solingen und Mölln.

Der Musiklehrer Gerhard Torges erinnerte sich Ende August 2015 an das Lied und rief die #AktionArschloch ins Leben. Er richtete eine Webseite, eine Facebook-Seite und einen Twitter-Account ein und kreierte das Hashtag #AktionArschloch. Anschließend rief er darüber dazu auf, den Song in sämtlichen Download-Stores zu kaufen und sich bei Radiosendern zu wünschen. Nur eine knappe Woche später landet „Schrei nach Liebe“ auf Platz 1 der deutschen Downloadcharts. In der gleichen Zeit meldet sich die Band direkt zu Wort und unterstützt die Aktion ganz offiziell. Was natürlich dazu führt, dass die großen Medien auf die Aktion aufmerksam werden.

Auch wenn die Summe noch nicht klar ist, bleibt schon mal festzuhalten, dass das gesamte Unterfangen über die digitalen bis in die analogen und reichweitenstarken Kanäle gespült wurde. Mit überschaubaren technischen Kenntnissen erreichte Gerhard Torges mit einer guten Aktion viel Aufmerksamkeit, und am Ende kann der Verein „ProAsyl“ mit einer Spende sämtlich eingenommener Gelder von Die Ärzte rechnen.

workeer.de – Die erste Jobbörse für Geflüchtete und Arbeitgeber, die ihnen Chancen eröffnen wollen.

Die Studenten David Jacob und Philipp Kühn entwickelten mit workeer.de die erste Ausbildungs- und Arbeitsplatzbörse Deutschlands, die sich speziell um die Vermittlung von Flüchtlingen in die Arbeitswelt kümmert. Für die zwei jungen Männer war workeer das Abschlussprojekt ihres Kommunikationsdesign-Studiums an der HTW Berlin.

Sie hatten eine Idee, entwickelten sie weiter zu einem Projekt und brachten ein Produkt online, das es aktuell braucht und vielleicht auch schon viel früher gebraucht hätte. Dank guter Konjunktur und dem Support der Netzgemeinde wurde die Arbeitsvermittlung zügig von Arbeitgebern angenommen. Inzwischen sind mehr als 600 Stellen ausgeschrieben.

Was zeigen die drei vorgestellten Projekte? Das Internet beweist, wie man sozialen Impact schaffen kann, indem man auf Kooperation setzt, die Klaviatur der sozialen Netzwerke exzellent bedient und bestehende Webtechnologien verinnerlicht hat.

Alle drei vorgestellten Projekte konnten dabei nicht auf kleine oder gar große PR-Etats zurückgreifen. Sie mussten aus sich heraus Aufmerksamkeit generieren. Das funktioniert allerdings nur mit einer wirklich guten Projektidee, die insbesondere bedarfsorientiert gedacht ist und transparent umgesetzt wird.

Wenn ich in einer Agentur oder im Bereich CSR tätig wäre, würde ich mir die MacherInnen der oben genannten Projekte für einen Erfahrungsaustausch einladen.

jst-autorenbildÜber den Autor: Jens Stoewhase ist verantwortlicher Redakteur für medienrot.de und Geschäftsführer der Rabbit Publishing GmbH, die dieses Onlinejournal im Auftrag der Landau Media AG betreibt. Bis Ende 2011 betreute er selbst u.a. die digitalen Aktivitäten zahlreicher kommerzieller Kinder- und Jugendmagazine und YPS. Stoewhase arbeitete vorher jahrelang für den Onlinebereich der TV-Serie „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ und als Freelancer im Musikbereich und entwickelte Konzepte für digitale Angebote im Entertainmentsegment.